Ich bin auf Metall

Krachendes Schlagzeug, Stromgitarren und kraftvoller Gesang erfreuen mich seit meiner Jugend. Heavy Metal ist für mich die ungeschminkte Wahrheit, die Schönheit im Verborgenen. Wenn ich Metallicas One auflege, bekommt der Schmerz ein Gesicht: Tristesse, Verzweiflung, Aggression. Metal erzählt mir Geschichten, verknüpft meine Lebensbrocken miteinander. Metal tut mir gut.

Ich versuch’s auch mal mit Jazz oder Rap. Nur leider klingt mir das zu sehr nach Wettkampf: Wer spielt schneller, wer raffinierter? Das gibt’s beim Metal nicht. Er hat so viele Nuancen: Vom wildesten Geschrammel bis fast hin zur Klassik.

Mit sieben Jahren ging das bei mir los. Ein Nachbarsjunge brachte mich drauf. Heute ist es die einzige Musik, die ich wirklich ernst nehme. Ihre Leidenschaft, ihre Düsternis.

Zuweilen ertappe ich mich beim Luftgitarrespielen, wie ich mein Gesicht verziehe und die Soli darbiete. Oder beim Trommeln auf meiner Tastatur. Ich versuche dann im Rhythmus des Schlagzeugs zu schreiben – aber komme immer aus dem Takt. Ich kann kein Instrument spielen, vom Singen ganz zu schweigen. Bei jedem Konzert stehe ich vorn und bewundere die fliegenden Hände der Gitarristen, den hämmernden Daumen der Bassisten. Wie gerne würde ich das auch können.

Heute liebe ich Gitarrensoli, damals fand ich sie langweilig. Und die Texte verstehe ich inzwischen; das macht einen Unterschied. Mit sieben war ich des Englischen noch nicht mächtig, ich hätte bestimmt wochenlang nicht schlafen können.

Meine Liebe zum Metal trage ihn kaum zur Schau. Zwar kaufe ich mir schwarze T-Shirts, aber nur, weil sie mir stehen. Viele meiner Freunde wissen nichts von meiner Passion. Meine Freundin hat sich nach sechs Jahren damit abgefunden. Ihr ist die Musik zu hart. Und ich sei doch nicht mehr 14! Ihr gefallen die Texte nicht: Tod, Verderben, alles Schlechte dieser Welt…

Ich bin auf Metall

Jeden Morgen sitzen wir zu dritt beim Frühstück: Metal, sie und ich. Der Metal muss meist aufstehen und ausgehen, aber manchmal überrede ich meine Liebste mit teurem Schinken und frischen Brötchen. Dann gibt es ruhige, schleppende, tieftraurig walzende Stücke. Ich schwelge und schwärme. Sie seufzt.

Ich bin leidenschaftlicher Radrennfahrer und trainiere fast täglich. Auf der Straße habe ich Metal im Ohr. Wenn es dunkel wird, stelle ich mir immer vor, einen Film über einen Radrennfahrer zu drehen. Man sieht im Dämmer liegende Kornfelder. Die Kamera streift das Korn, die Beine des Fahrers und nimmt dann seinen leeren Blick ins Visier. Die Bilder wären mit ruhigem Metal unterlegt oder mit Hurt von Johnny Cash. Jedes Mal bekomme ich eine Gänsehaut. Diese Hingabe an einen Sport kann nur Metal unterstreichen: diese Härte, diese Isolation im Training.

Ich höre auch die Platten noch, die ich mir mit sieben gekauft habe. Mein Bruder legte True Blue der wasserstoffblonden Madonna auf; ich stellte dauergewellte Metallermähnen dagegen. Er gewann immer. Seine Anlage war besser.

Ich weiß gar nicht mehr, wie unsere Eltern den Musikgeschmack ihres Jüngsten fanden. Ich sang den Chorus von Sodom mit, in dem es ums Ausbomben ging. Katzenmusik, sagte meine Mutter mal; Naturkatastrophe, mein Vater. Das war’s. Ihr achtundsechziger Ansatz zerschellte an unserer Schrankwand. Jefferson Airplane flogen über mich hinweg, die Rolling Stones rollten an mir vorbei.

Noch heute ist mir Metal ein Kokon, in den ich mich zurückziehe, wenn mir die Welt mit ihrem Glitzer und ihrer Tiefkühlpizza zuviel wird. Zum Jubiläum habe ich meine 20 Favoriten auf eine CD gebrannt. Meine Nachbarn wecke ich jetzt morgens mit Metallica: Ride The Lightning.

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