Ankara Eine riesengroße Freude für die Türkei, aber nicht für jeden Türken. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Orhan Pamuk hat im türkischen Parlament ein gespaltenes Echo gefunden. Ein Abgeordneter der regierenden muslimisch-konservativen AKP zappte am Donnerstagmittag in seinem Büro durch die Kanäle, als er auf CNN Türk die Botschaft hörte. Erst schwieg er, dann stand er langsam auf, schluckte trocken, weil er wegen des Fastenmonats Ramadan den Tag über nichts getrunken hatte, und sagte: „Ein großer Sohn der Türkei.“

Wenige Türen weiter in einem Büro der Oppositionspartei CHP läuft der Fernseher, eine Gruppe nimmt die Nachricht wie gelähmt auf. Alle schweigen, keiner erhebt sich. Ein Politiker murmelt in seinen Bart: „Und diesem Bastard geben sie den Nobelpreis

An Orhan Pamuk scheiden sich die Geister. Der Schriftsteller hat das Bild der Türkei in der Welt geprägt. In seinem Roman „Schnee“ hat er das Vielvölkermosaik der Türkei beschrieben, in seinem Buch „Rot ist mein Name“ den Gegensatz von östlichen Dogmen und westlichen Einflüssen im Osmanischen Reich illustriert. Und er hat in Interviews die Massenmorde an den Armeniern im späten osmanischen Reich thematisiert, wofür er vom Staatsanwalt angeklagt und vor Gericht freigesprochen wurde. Seine Interviews haben ihn aus der Sicht türkischer Nationalisten, auch mancher Kemalisten, zu denen die oppositionelle CHP zählt, zu einem Verräter gemacht. Liberale Türken aber, die prowestlichen Bildungsschichten, die Intelligenz, aber auch sehr viele Türken aus den Mittelschichten lieben Pamuk für seine großartigen Parabeln auf die türkische Geschichte, die stets viel über die Türkei von heute erzählen.

Der Tag, an dem der erste Türke überhaupt einen Nobelpreis erhält, ist in Ankara in jeder Hinsicht ein besonderer. Doch hatten die türkischen Medien davor weniger auf die Entscheidung in Stockholm gestarrt, sondern vielmehr auf die Abstimmung in der französischen Nationalversammlung. Dort wurde am Donnerstag mit großer Mehrheit ein Gesetz verabschiedet, das jeden mit einer Gefängnisstrafe belegt, der leugnet, dass das Osmanische Reich 1915 einen Genozid an den Armeniern verübt habe. Dies hat im türkischen Parlament einen Aufschrei ausgelöst, Rufe nach Sanktionen, nach Verdammung, nach Vergeltung für Frankreich. Einstweilen folgenlos. Auch ein in den Medien angedrohtes Gesetz über die Leugnung französischer Massaker an den Algeriern hat es nicht durchs Parlament geschafft.

Natürlich ist die Aufregung dennoch groß. „Warum bloß verbeißen sich die Franzosen in Details unserer Geschichte?“, fragt ein türkischer Journalist auf dem Korridor des Parlaments. „Weil sie um die Stimmen der französischen Armenier für das Wahljahr 2007 buhlen“, sagt ein türkischer Abgeordneter. Diese Lesart gehört zu den rationalen in der Türkei. Andere, hitzigere Kommentare reden von Verschwörung, gezielter Beleidigung und dem französischen Versuch, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auf diesem Weg zu stoppen. Niemand in der Türkei indes kann dem französischen Genozid-Gesetz etwas Positives abgewinnen. Der armenisch-türkische Intellektuelle Hrant Dink, der ob seiner Einlassungen zur osmanischen Historie in der Türkei auch schon vor Gericht stand, sagt sogar: „Ich fahre sofort nach Paris und leugne dort den Genozid.“ Er sei gespannt, was sie mit ihm, dem türkischen Armenier, dann machen.

Ob Dink nun ein Ticket nach Frankreich löst oder nicht, im türkischen Parlament und in den eher rar gesäten Cafés von Ankara sind sich alle einig, dass die Debatte über die düstere Vergangenheit des späten osmanischen Reiches in der Türkei durch das französische Gesetz schwieriger wird. Erst im vergangenen Jahr hatte es in Istanbul eine große, von der Regierung unterstützte Konferenz gegeben, auf der Historiker und Intellektuelle sich offen streiten durften und das G(enozid)-Wort erstmals per Lautsprecher durch die Türkei hallte. „So hätte es eigentlich weitergehen können“, sagt ein Abgeordneter im Parlament. Aber durch die „Attacke“ aus Frankreich würden nun die türkischen Nationalisten das Wort an sich reißen.

Da kommt die Entscheidung des internationalen Nobelpreiskomitees gerade zur rechten Zeit. Mehr kann man für die Meinungsfreiheit in der Türkei derzeit kaum tun. Orhan Pamuk, der gern ungeschminkt das sagt, was er für wahr und richtig hält, steigt mit dem Preis auf zu einem der ganz großen Türken, der den Ruhm der Republik in der Welt mehrt. Nun kann er weiter ungeschützt seine Meinung sagen, die türkische Nationalisten und rachsüchtige Staatsanwälte bis unter die Haut ärgern dürfte. Aber sie werden künftig gegen den Helden des Vaterlandes kaum ihre Stimme erheben können.

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