Was war eigentlich die Absicht von SPD-Chef Kurt Beck, als er vor zehn Tagen - gestützt auf eine Studie der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung - den lange verpönten Begriff "Unterschicht" in die politische Debatte einbrachte? Vermutlich ging es ihm, der selber aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen ist, tatsächlich um die Sorge, dass die deutsche Gesellschaft im Zuge des globalisierten Wettbewerbs und der Sozialreformen einen Teil ihrer Mitglieder für immer abhängt. Sicher ging es ihm aber auch und vor allem um die Wähler, welche die SPD in diesem Segment verliert - an die Linkspartei-Konkurrenz und an die Rechtsaußen. Wie können SPD und Gesellschaft diese Menschen wieder aktivieren, lautet die Frage, der sich die Sozialdemokratie in der Tat stellen muss.

Doch die Diskussion ist Beck längst entglitten. Wild und wirr durcheinander wird in Berlin über die Schuld für den sozialen Abkoppelungsprozess, über Hartz IV, Billiglöhne und über den Begriff "Unterschicht" selbst debattiert. Das laute Räsonieren bringt manche skurrilen Äußerungen hervor, die von Hilflosigkeit zeugen und die FAZ an diesem Mittwoch zu Spott veranlassen: "Der 16. Oktober 2006 hatte das Zeug, zu einem Datum der Weltgeschichte zu werden. An diesem Tag meldete Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Vorsitzender und somit vom Fach, die Erfüllung einer historischen Mission. Es gebe keine Schichten in Deutschland (mehr), sagte er. Das durfte man wohl, mit etwas Begeisterung, als die Ankündigung verstehen, dass dieses Land endlich das Stadium der klassenlosen Gesellschaft erreicht habe."

Mittlerweile habe Wolfgang Thierse jedoch klargestellt, dass wir doch noch in einer Klassengesellschaft leben - aus der Traum. Und so fragt die FAZ etwas ernsthafter: "Wollte Müntefering also vielleicht nur einen furchtbaren Begriff wieder aus der Welt schaffen und räumte, den Schrecken noch in den Gliedern, auch gleich die Mittel- und Oberschicht mit ab? Die panischen Flucht- und Abwehrreaktionen, die SPD-Chef Beck in seiner einst auf ihr Klassenbewusstsein so stolzen Partei (und sogar noch in der Union) hervorrief, sind jedenfalls bemerkenswert. Solches Verhalten rufen gewöhnlich nur Probleme hervor, von denen keiner weiß, wie man sie lösen soll."

Das ist tatsächlich der Eindruck, den man dieser Tage gewinnen muss. Die Financial Times Deutschland kommt gleichfalls zu dem Schluss, dass die Debatte der SPD aus dem Ruder gelaufen ist. Für die Linke sei die Sache ganz einfach: "Die Politik hat ein neues Proletariat geschaffen, eine homogene Unterschicht, deren Interessen verteidigt werden müssen. Die böse Ironie für SPD-Chef Kurt Beck ist, dass er vermutlich auf etwas ganz anderes hinauswollte: klar machen, dass es eben nicht ein solches Kollektiv bloßer Versorgungsempfänger geben darf; dass auf individuelle Anstrengung geachtet werden muss." Das Problem sei jedoch, dass dieses "Fördern und Fordern" in der Praxis noch längst nicht funktioniere.

Die Bild -Zeitung, stets die wahren Probleme im Blick, hat die Ursache für ganze Misere erkannt: die anhaltende Arbeitslosigkeit. "Statt sich mit Diskussionen auf Nebenkriegsschauplätzen zu profilieren", folgert das Massenblatt, "sollten sich die Politiker der großen Koalition fragen, was sie denn für neue und stabile Arbeitsplätze tun können." Ach, wenn es denn so einfach wäre! Ähnlich kommentiert es die Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung . Es sei wie immer, gestritten werde um die Begriffe, nicht um die Phänomene, "mit Schuldzuweisungen ist man schnell zur Hand. Die politisch Verantwortlichen sollten sich nicht damit bewerfen, sondern die Phänomene analysieren und handeln."

Die Süddeutsche Zeitung warnt, jenseits solcher politischen Händel, vor den Gefahren einer "Zwei-Drittel-Demokratie" für den inneren Frieden, und sieht eine viel tiefere Aufgabe der Politik. "Wie wird eine Arbeitsgesellschaft der Zukunft aussehen könnte? Ein Blick in die Kindergärten, Schulen, Altersheime und Krankenhäuser kann eine Vorstellung davon geben; dort existiert Arbeit in Hülle und Fülle - Arbeit freilich, die derzeit nicht finanzierbar zu sein scheint. Politik kann nicht mehr gestalten? Das ist Unfug. Die Gestaltung einer neuen Arbeitsgesellschaft ist eine gewaltige Aufgabe."