Frau Roche, wie geht es Ihrem Zahnfleisch?
Charlotte Roche: Alles wieder gut. Ich kann den Zahn leider nicht mehr rausnehmen. Seit dem Auftritt bei Harald Schmidt musste ich monatelang ein Provisorium tragen, das allerdings nicht danach aussieht. Ich habe gemerkt, dass Zahnfleisch etwas sehr Heiliges ist. Da ist man sehr fragil.

Über Ihren Auftritt in der "Harald Schmidt"-Show, als Sie Ihren Zahn aus dem Mund nahmen und zielgenau in Ihren Mund zurück warfen, wurde sehr viel geredet.
Ich habe noch nie so viel Feedback bekommen. Das Bild von mir ohne Zahn scheint auf jeden Fall hängen geblieben zu sein. Ich fand es nur so lustig, weil Schmidt selber davon nichts wusste. Ich hatte zwar vorgeschlagen, dass ich über meine Zähne reden könnte, aber da hat ja niemand mit so etwas gerechnet. Daher weiß ich, dass seine Reaktion real war.

Sie trugen auf Ihrem Hemd "BILDblog.de", die aufgestickte Adresse des Weblogs, das sich kritisch mit der "Bild"-Zeitung beschäftigt.
Ich habe Kontakt zu den Machern des Blogs, aber die wussten nichts davon. Ich wollte den Leuten, die so etwas Cooles machen, einfach eine Freude machen. Dadurch wurde noch mal so richtig was losgetreten. Die kriegen viele Klicks mehr. Und sie sind aus den Puschen gekommen und machen jetzt ihre eigenen T-Shirts.

Als Kritikerin von "Bild" dürfte Sie der Konflikt des Blattes mit Jürgen Klinsmann interessiert haben.
Ich fand die Bockigkeit von Klinsmann extrem gut. "Bild" und auch Beckenbauer haben Klinsmann vor der WM als absoluten Vollidioten dargestellt. Die haben alle immer in die gleiche Kerbe gehauen. Es waren immer nur die Rechten: die Bayern, die alten Säcke und die "Bild"-Zeitung. Beckenbauer wurde dann ein bisschen ruhiger, als es so gut lief. Ich kann die dann nicht mehr ernst nehmen. Und die "Bild"-Zeitung habe ich noch nie ernst genommen. Es war schön zu sehen, dass jemand wie Klinsmann sich zur Wehr setzt. Die müssten eigentlich alle zu Kreuze kriechen und sich entschuldigen.

Interessieren Sie sich für Fußball?
Ich sehe jedes Spiel von Schalke 04 – wenn’s geht, auch im Stadion.

Haben Sie einen Lieblingsspieler?
Levan Kobiashvili. Es gibt da zwar jede Menge gute Spieler, aber mir gefallen die ruhigen, strammen Arbeiter besser als die Superstars.

Bewerten Sie Spieler auch nach dem Aussehen?
Eine sexistische Frage. Natürlich nicht. Ich will auf keinen Fall so Sex-and-the-City-mäßig darüber diskutieren, wie die aussehen, dieses "ach, den find ich gut, der ist so süß oder hat so’n geilen Arsch". Die Spieler rennen ja nun nicht da rum, um Frauen geil zu machen. Die wollen endlich mal Meister werden.

Beschäftigen Sie sich mit der Taktik des Spiels?
Ich lerne das gerade und höre die ganze Zeit nur zu, was die Oberchecker und Chefanalysten so erzählen. Wenn man bei den Fußballspielen aufpasst und nicht währenddessen etwas anderes macht, lernt man rasend schnell dazu.

Seit Jürgen Klopp während der WM mit seiner Tafel alle taktischen Varianten aufgezeigt hat, spricht ja jeder Stammtisch vom Verschieben.
Ich konnte diese ZDF-Arena mit Kerner nicht ertragen, weil der Lärmpegel einfach zu hoch war. Ich fand Klopp bis dahin auch gut, aber dabei war er mir zu sehr Sunnyboy. Der war selber so in dieser Euphorie. Absolut distanzlos, uncool, im WM-Geilheitsfieber. Ich mochte das nicht mit angucken. Das war definitiv nichts für Leute, die was lernen wollten. Das war nur dafür da, um Stimmung rüberzubringen. Wir hatten während der ganzen WM immer offene Tür, also das ganze Haus voll. Immer Bier, immer Grillfleisch da und alle Freunde konnten kommen und gehen, wann sie wollten. Und diese komische ZDFArena flog sofort raus, weil keiner richtig zuhören konnte und niemand verstanden hat, worum es ging.

Und Kommentatoren wie Reinhold Beckmann?
Beckmann ist absolut verboten in unserem Haus. Da sind sich auch alle Freunde einig. Wenn Beckmann ein Spiel kommentiert, wird das nicht geguckt. Als es noch auf Premiere lief, haben wir immer Bundesligaspiele ohne Kommentar geguckt, also nur mit der Stadionatmosphäre. Dann haben wir selbst mitkommentiert.´

Kommentieren Sie auch?
Ab und zu sage ich auch mal was. Es gibt ein Spiel bei uns, bei dem man Sachen fachmännisch beurteilt. Dabei trifft man voll ins Schwarze, wenn man über die Szene schon ein paar Sekunden, bevor der Kommentator sie analysiert, dasselbe gesagt hat. Da muss man das Spiel fühlen und merken, oh, da schlafft die Stimmung ab, man merkt, dass das Stadion leiser wird, die Spieler lahm werden, da gibt es ja viele Sprüche. Wenn man das dann treffend formuliert, etwa "Jetzt lullen die sich gegenseitig ein" oder so, und es schafft, dies vor dem Kommentator zu sagen, ist bei uns immer Riesenparty.

Können Sie mit der Kuttenkultur auf Schalke etwas anfangen?
Schalke hat ganz treue Gagafans, alle ein bisschen irre, im Gegensatz zu Bayern-München-Fans zum Beispiel. Das merkt man auch im Stadion. Viele alte Typen, die keine Zähne mehr im Maul haben und dann Kutten und Schals tragen. Sehr sympathisch finde ich. Das macht ja so einen Stadionbesuch aus.

Es gab während der WM einen Auftritt von Jan Delay auf einem Festival, das vorher als fußballfreie Zone deklariert wurde. Das war ihm zu blöd, sodass er dort mit Deutschlandtrikot aufgetreten ist. Daraufhin wurde er angepöbelt. Was halten Sie von fußballfreien Zonen?
Ich höre das von Jan Delay jetzt zum ersten Mal. Ich habe in den vergangenen Jahren die Bundesliga verfolgt und während der WM hat es mich wirklich genervt, die ganzen Mädels mit den schwarz-rot-goldenen Blumen im Haar zu sehen. Die Freude fand ich immer extrem verdächtig, wenn in Zeitungen dann geschrieben wird, wie toll das ist, dass junge Mädchen rausgeputzt, schick über die Straße gehen und in Deutschlandflaggen eingewickelt sind.

Wegen der Flaggen oder wegen der Inszenierung?
Ich fand die Inszenierung sehr übertrieben und weit weg vom Fußball. Da ging es um Lebensgefühl, alle wollten lustig sein. Für mich war das ganz plumper Karneval. Für uns war von vornherein klar, dass wir das Spiel um Platz drei in unserem Zuhause nicht zeigen. Das zählt nicht, das ist totaler Schwachsinn. Und dann trifft man im Supermarkt Leute, die das Spiel um Platz drei gucken wollen und fragen: "Was interessiert mich denn Frankreich gegen Italien?" Das ist ja totaler Wahnsinn, das fand ich ganz schlimm.

Ist denn die Stimmung nach dem Halbfinal-Aus der deutschen Mannschaft so rapide gesunken?
Ja, die WM wurde immer als das Fußballfest dargestellt, das war aber nicht so. Die Leute haben nicht Fußball gefeiert, die haben sich selbst gefeiert. Das war ein ganz komisches Event. Das war Eventgier – die Leute wollen in Gruppen sitzen, schreien und johlen. Und dann feiern die den dritten Platz einfach so, als ob sie Weltmeister sind und nicht Italien! Seit wann gibt es denn Weltmeister der Herzen?