Die Akte mit dem Zeichen "450-SZ-04/21-04" ist umfangreich. Auf mehr als 300 Seiten ist das Leben von Kevin K. dokumentiert. Es währte nicht lange: Kevin K. starb im Alter von zwei Jahren. Er wurde am 10. Oktober tot in der Wohnung seines Vaters in Bremen-Gröpelingen gefunden. Er lag in Plastik eingehüllt im Kühlschrank. Ein natürlicher Tod gilt als unwahrscheinlich, der Todeszeitpunkt ist ungeklärt. Kevins Eltern waren drogenabhängig und mehrfach vorbestraft.

Verantwortlich für das Kind war der Staat. Die so genannte elterliche Sorge wurde nach dem mysteriösen Tod der Mutter vor rund einem Jahr vom Familiengericht dem Jugendamt übertragen. Kevins Tod hatte Folgen: Der Vater sitzt im Gefängnis. Die zuständige Senatorin Karin Röpke trat zurück, der Leiter des Amts für Soziale Dienste wurde versetzt, gegen den zuständigen Sachbearbeiter und den Vormund ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Und: Ein Sonderermittler wurde eingesetzt. Der Staatsrat im Justizressort, Ulrich Mäurer, hat seinen Bericht vorgelegt. Auf 57 Seiten listet er Versäumnisse, Schlampereien und Lügen auf: "Von Anfang an wurde auf eine engmaschige begleitende Kontrolle des Verhaltens der Eltern verzichtet. Regelmäßige Hausbesuche hat es nicht gegeben. Angaben der Eltern über ihren Umgang mit dem Kind wurden nicht überprüft." Strafanzeigen, Mitteilungen der Polizei und Anfragen der Staatsanwaltschaft seien, heißt es in dem Bericht weiter, "hinhaltend bis nichtssagend" beantwortet worden. "Mitunter wurde der Sachverhalt beschönigend dargestellt."

So sei das Jugendamt über Monate bei seiner Einschätzung geblieben. Das Kind blieb in Obhut der Eltern, obwohl es von diversen Seiten Hinweise, Aufforderungen, gar inständige Bitten gab, diese Entscheidung zu revidieren. Kritik sei "zum Teil in barscher Weise" abgetan worden. Reaktionen des Sachbearbeiters werden als "aggressiv abweisend" beschrieben und "dem Amte offenbar lästig". Er habe den Eindruck gewonnen, sagt der Ermittler, dass der grundlegenden Entscheidung keine sehr sorgfältige Abwägung zugrunde gelegen habe.