Ich weiß nicht, ob Sie gelegentlich lautlos Lieder singen, ohne dass in der U-Bahn oder auf der Straße jemand etwas hört. Ich tue dies, und ich leide fürchterlich – an Ohrwürmern. An hässlichen, grässlichen, peinlichen Werbeliedchen: " Thomy – hier kommt der Genuss, dumbadumbadummbadumm – Pling! "

Schon in der Schule piesackte mich mein Tischnachbar, indem er mir solch schlimme Jingles vorsang. Er fand das lustig, ich nicht. So trug ich sie tagein, tagaus mit mir herum: " Kaum steh‘ ich hier und singe, kommen sie von nah und fern, sie knabbern und sie knuspern, sie ha'm halt Ültje gern ". Der Werbespot ist uralt, leider habe ich Melodie und Text seitdem nie ganz vergessen können. Eine Packung Erdnüsse im Supermarktregal weckt die Erinnerungen. Eine Sinalcoflasche, und schon muss ich summen, " Die Sinalco schmeckt, die Sinalco schmeckt ". Meine Ohren sind nicht einmal vor Handy-Tönen sicher, denn einst habe ich zu lang entsetzt hingesehen, als in der Werbung ein computeranimiertes Nilpferd zu einem Telefonklingeln tanzte. Das Tier war lilafarben, ausgesprochen hässlich und erweist sich mitsamt Melodie als unvergesslich. Warum kann ich mir nicht merken, was ich will? Während so manches gelesene Buch, so mancher Vortrag ganz schnell wieder weg ist, halten sich Dinge, die ich lieber los wäre.

Bei Freunden, beim Einkaufen, beim Zahnarzt, im Kino: Sie lauern überall, die Ohrwürmer, und wenn sie mich sehen, kriechen sie zielstrebig zu mir. Je stumpfer sie tönen, desto schneller sind sie da. Ich bin ein Opfer ihres eingängigen Schwachsinns. Kein Türsteher, kein Spam-Filter kann sie aufhalten. Solange ich dann nur Maneater von Nelly Furtado oder Justin Timberlakes Sexyback trällern muss, kann ich damit leben. Bei Sido, Modern Talking und Marius Müller-Westerhagen haue ich mir gelegentlich auf den Kopf: "Hinfort mit Euch!" Aber es hilft alles nichts. Je schlechter die Musik ist, desto tiefer frisst sie sich ein. Um mir zu helfen, höre ich meine Lieblingsmusik – was leider nicht viel nützt. Ob ich eine Schwäche für musikalischen Stumpfsinn habe?

Vor einigen Jahren zwang ich mich zu einem Selbstversuch: Für eine sozialwissenschaftliche Forschungsarbeit hörte ich wochenlang nur Rechtsrock. Störkraft, Skrewdriver, Landser. Ich hörte das Gegröle und Gesinge beim Kaffeetrinken, beim Aufräumen, im Badezimmer, laut aufgedreht. Ich wollte sehen, was mit mir geschieht. Ich stellte mir vor, ich wäre ein politisch desinteressiertes und wenig gefestigtes Mädchen, dessen Freunde solche Platten kaufen. Erst war ich schockiert, bald setzte die Gewöhnung ein. Ich konnte die meisten Texte schnell auswendig und wippte sogar mit dem Fuß im Takt. Schließlich ertappte ich mich dabei, unter der Dusche Opa war Sturmführer bei der SS zu summen – und war entsetzt. Der Held des Liedes findet auf dem Dachboden " all die schönen Sachen aus der guten alten Zeit ", die sein Großvater 1945 in einer Kiste versteckt hat, und " obendrauf lag Opas Uniform bereit ". Das Lied endet mit der Zeile " Der Enkel wird Sturmführer bei der SS ".

Ich begriff, dass man sich an vieles gewöhnen kann und erlebte die Macht der Musik am eigenen Leib. Das Experiment ist lang beendet, die Melodien sind geblieben.