Der Angeklagte im Dresdner Stephanie-Prozess ist am Mittwochmorgen auf das Dach seines Gefängnisses geklettert. Bis zum Mittag gelang es nicht, den 36 Jahre alten vorbestraften Sexualstraftäter zum Verlassen des Daches zu bewegen. Der Mann hatte gegen halb acht einen Hofgang genutzt, um an der Außenmauer eines Gebäudes in der Justizvollzugsanstalt Dresden hochzuklettern. Spezialisten des Landeskriminalamtes nahmen von einer Hebebühne aus Kontakt zu ihm auf. Er werde nicht mit Gewalt von dem neun Meter hohen Gebäude geholt, "weil wir die Sorge haben, dass er dann möglicherweise runterspringt", sagte der Leiter der Anstalt, Ulrich Schwarzer. Das Motiv des Mannes war zunächst unklar.

Der Mann sei einfach losgespurtet und habe sich dann mitten auf das Dach gesetzt, von dem aus es keine Möglichkeit zur Flucht gebe, sagte der Sprecher des sächsischen Justizministeriums. Er verteidigte auch die Vollzugsbeamten: Sie hätten "absolut nicht geschlafen". "Die Bediensteten sind schon hingelaufen, aber er war schneller", sagte Schwarzer. Nach Ansicht des Anstaltsleiters will der Angeklagte mit seiner Kletteraktion Verhandlungen über eine mögliche Verbesserung seiner Situation erreichen. "Ob es um das laufende Verfahren oder seine Haftbedingungen geht, wissen wir noch nicht." Einen Suizidversuch des 36-jährigen Mario M. hielt das Justizministerium für unwahrscheinlich, obwohl er sich seit Montag wegen Vergewaltigung, Geiselnahme, Kinderpornografie und anderer Straftaten vor dem Landgericht Dresden verantworten muss. Er hatte zum Prozessauftakt gestanden, die damals 13 Jahre alte Stephanie Anfang des Jahres entführt und wochenlang sexuell misshandelt zu haben.

Zu möglichen Vorwürfen, Mario M. sei nicht ausreichend bewacht worden, sagte Schwarzer: "Die Anstalt besteht seit fünf Jahren, und wir haben schon viele Gefangene gehabt, die als außergewöhnlich fluchtgefährdet galten." Dazu habe der 36-Jährige aber nicht einmal gezählt. Es habe bisher auch keine Anhaltspunkte für Schwachstellen gegeben. Der Mann sitzt nach Angaben des Justizministeriums im Gefängnis in einem Sondertrakt und ist allein in einer Zelle untergebracht. Er stehe dort unter besonderer psychologischer Überwachung und habe kaum Kontakt zu Mitgefangenen.

Die Nebenklage warf der Justiz eine neuerliche Panne vor und erklärte, Stephanie werde aus diesem Grund am Donnerstag nicht als Zeugin vor Gericht auftreten. "Nach der neuerlichen unfassbaren Panne können wir nicht davon ausgehen, dass die Sicherheit von Stephanie bei der Zeugenaussage gewährleistet ist", sagte Opferanwalt Thomas Kämmer, der für die Nebenklage arbeitet. Es sei unfassbar, dass es nicht gelungen sei, "den Angeklagten in der Justizvollzugsanstalt unter Kontrolle zu halten". Laut Staatsanwaltschaft ist über eine Aussage von Stephanie noch nicht entschieden. "Die Entscheidung darüber trifft allein das Gericht", sagte Christian Avenarius, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

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