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Es ist eine Rückkehr ins Herz der Stadt, wenn am Donnerstag, den 9. November, die jüdische Synagoge in München eingeweiht wird. In einem feierlichen Umzug werden die Thora-Rollen aus der bisherigen Synagoge an der Reichenbachstraße in die neue Hauptsynagoge am Jakobsplatz gebracht. Dann beginnt der eigentliche Festakt der Israelitischen Kultusgemeinde München mit Gästen aus dem In- und Ausland.
Dieser Tag symbolisiere die Rückkehr des Münchner Judentums in die Mitte der Stadtgesellschaft, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden. Wäre es nach ihr gegangen, stünde die Synagoge allerdings schon seit Jahren. Zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht, am 9. November 1988, wollte sie eigentlich den Grundstein für ein neues jüdisches Gotteshaus in München legen lassen. Tatsächlich war es erst 2003 so weit – 65 Jahre nach der Pogromnacht.
1986 hatte Knobloch, damals Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, mit den Behörden erste Gespräche geführt, doch die Haltung war reserviert. Die jüdische Gemeinde Münchens hatte weder ein Grundstück noch Geld. Die Stadt bot Grundstücke am Stadtrand, doch Knobloch stellte sich stur. Eine Synagoge gehöre mitten in die Stadt, so ihre Forderung. Hier stand die Synagoge früher und hier gehört die jüdische Gemeinde hin. Denn nur so kann Knoblochs Traum in Erfüllung gehen, der Traum vom Zusammenleben der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung in München wie vor der Nazizeit.
Von 1887 bis 1938 hatte die Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße gestanden, hinter dem Münchner Stachus – am 9. Juni 1938 hatte Hitler sie aus "verkehrstechnischen Gründen" abreißen lassen und an ihre Stelle einen Parkplatz gebaut. Die beiden anderen Münchner Synagogen wurden in der Reichskristallnacht zerstört.
Erst 1999 schien es, dass Charlotte Knoblochs Lebenstraum Wirklichkeit werden könnte: Oberbürgermeister Christian Ude bot der Israelitischen Kultusgemeinde ein attraktives Grundstück an: den Jakobsplatz – unweit von Viktualienmarkt und Marienplatz, direkt neben dem Stadtmuseum. Der Bau sollte gleich im Jahr 2000 begonnen werden, auf einen Architekturwettbewerb wollte man verzichten. Doch der Stadtrat gab erst im Juli 2001 sein Einverständnis zu dem Grundstück und dann lobte die Stadt doch noch einen zweistufigen Wettbewerb aus. Nicht nur eine Synagoge sollte entstehen, sondern ein komplettes Jüdisches Zentrum: ein Gemeindehaus mit Verwaltung, Rabbinat, koscherem Restaurant, Gemeindesaal, Ganztagsschule für 200 Kinder, Kindergarten mit 100 Plätzen, Jugend- und Kulturzentrum. Dazu ein Jüdisches Museum. Zum städtebaulichen Wettbewerb reichten mehr als 300 Büros aus ganz Europa ihre Arbeiten ein. Beim Realisierungs-Wettbewerb waren noch 17 Büros dabei. Den Zuschlag bekam das Saarbrückener Büro Wandel-Hoefer-Lorch.
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Nun fehlte noch das Geld für die drei Gebäude, viel Geld. Beinahe hätte Charlotte Knobloch aufgegeben. Am Rande einer Sitzung des Zentralrats der Juden vor fünf Jahren redete Michel Friedmann lange auf sie ein weiterzukämpfen. 57 Millionen Euro werden Synagoge und Gemeindehaus am Ende gekostet haben: 20,5 Millionen Euro brachte der Verkauf des Grundstücks der 1938 zerstörten Hauptsynagoge, 30 Millionen kommen von Staat und Kommunen, der Rest kam von Münchner Bürgern und Firmen. Das jüdische Museum finanziert die Landeshauptstadt. Doch immer noch fehlen etwa drei Millionen Euro.
Die Grundsteinlegung war für den 9. November 2003 geplant – und beinahe wäre es zu einer Katastrophe gekommen. Zwei Monate vorher, nach dem Hinweis eines Aussteigers, findet die Polizei bei Münchner Neonazis 14 Kilo Sprengstoff. Zur Grundsteinlegung sollte am Jakobsplatz ein Anschlag verübt werden, um den Bau des Jüdischen Zentrums zu verhindern. Ein "Bündnis der Toleranz" rief Mitte Oktober zu einer Demonstration gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus auf. Münchens Oberbürgermeister Ude sagte damals, der geplante Anschlag unterstreiche die Notwendigkeit, alle Aktivitäten zu bündeln und den Juden einen Platz mitten in der Stadt zu schaffen. Die Grundsteinlegung mit Ministerpräsident Edmund Stoiber, dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden Paul Spiegel und dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau fand wie geplant statt. Doch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen.
Am Tag der Grundsteinlegung hatte Charlotte Knobloch mit den Worten berührt: "Seit jenem 9. November 1938 ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Koffer immer noch auf der Flucht. Am Abend des heutigen Tages jedoch, des 9. November 2003, werde ich diese Koffer öffnen und damit beginnen, langsam, Stück für Stück, jedes einzelne Teil an seinen Platz zu räumen, den ich dafür die letzten 65 Jahre freigehalten habe. Denn heute, nach genau 65 Jahren, bin auch ich ganz wieder in meiner Heimat angekommen."
Bevor München unter Hitler Hauptstadt der Antisemitismus-Bewegung wurde, gab es auch hier jüdisches Leben, wenn auch nicht in dem Maße wie in Frankfurt, Hamburg oder Berlin: Zur Münchner Intellektuellen-Szene gehörten etwa der Simplicissimus -Zeichner Thomas Theodor Heine und der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, dessen Familie einen Stammtisch im Hofbräuhaus hatte und selbst am Sabbat dort einkehrte und anschreiben ließ – der fromme Jude hatte an diesem Tag kein Geld dabei. Orthodoxe Juden liebten die Biergärten als Ausflugsziele, denn hier durften sie ihr Essen, das koschere, selbst mitbringen. Der FC Bayern München war in den Zwanzigern wegen seines jüdischen Präsidenten Kurt Landauer als Judenclub verschrien, Kurt Eisner, der erste Bayerische Ministerpräsident, war Jude und Thomas Manns Schwiegervater, der Mathematiker Alfred Pringsheim, war einer der wenigen jüdischen Professoren an der Münchner Universität.
Ende April 1945 lebten noch 84 Juden in München. Im Juli 1945 wurde die Israelitische Kultusgemeinde München neu gegründet. Jüdische Zuwanderer kamen: Aus Amerika und Israel, 1968 aus der Tschechoslowakei und aus Polen, wo sie erneut als Sündenböcke für die politischen Unruhen galten. In den Siebzigern folgten Zuwanderer aus der Sowjetunion. Gleichzeitig wanderten nach dem Abitur viele jüdische Jugendliche in die USA oder nach England aus. Einen enormen Zustrom gab es noch einmal in den neunziger Jahren, nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs. Die Jüdische Gemeinde sowohl in München wie in ganz Deutschland verdreifachte sich: in Deutschland von knapp 30.000 auf über 100.000 Mitglieder. In München auf fast 10.000. Damit lebten hier 2005 wieder so viele Juden wie vor 1933. Gebetet wurde seit 1947 in der wiedererrichteten Synagoge in einem Hinterhof der Reichenbachstraße.
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In der neuen Hauptsynagoge Ohel Jakob (Zelt Jakobs) finden 500 bis 600 Gläubige Platz. Die Synagoge, ein 20 Meter hohes gläsernes Rechteck, davon acht Meter aus Stein, der Rest darüber ein Glasbau, der mit einem filigranen Bronzegewebe überzogen ist. Der Steinsockel symbolisiert einen Tempel, der mit Bronze überzogene Glasbau steht für ein Zelt, das die 40-tägige Wanderung der Juden durch die Ägyptische Wüste symbolisieren soll. Auf der Innenseite der Eingangstüren an der Westseite sind die zehn Gebote eingelassen. Ein unterirdischer Gang der Erinnerung führt zum Gemeindehaus. Auf der einen Seite sind die Namen der rund 4300 ermordeten Münchner Juden aufgeführt, auf der anderen Seite wird an alle sechs Millionen Opfer des Holocausts erinnert.
Die anderen Einrichtungen sollen zu Beginn des Jahres 2007 sukzessive in das Gemeindehaus umziehen, das jüdische Museum wird voraussichtlich am 22. März kommenden Jahres eingeweiht. Bis dahin sollen auch die Außenanlagen samt Spielplatz fertig sein. Dann ist die jüdische Gemeinde endgültig inmitten der Stadt angekommen.
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