Roland Wohlfarths Hals wird länger und länger. Er späht durch das Fenster seines großzügigen Eigenheims in Bocholt. Mit Blaulicht fährt ein Krankenwagen vorbei. Die Sorge gilt seinen Nachbarn. Wohlfarth kennt sich aus in seinem Revier, die Bewegungen in seiner Straße sind ihm vertraut, Nachbarschaft und Häuslichkeit waren dem ehemaligen Bayern-Stürmer schon immer wichtig. 19 Jahre war der wohl berühmteste Sohn der 70.000-Einwohnerstadt Bocholt als Fußballprofi unterwegs, viel zu lange, er wollte nie weg von hier. "Ich bin sehr heimatverbunden. Ich muss immer nach Hause, wo Freunde, Familie und Eltern in der Nähe sind", erzählt er. Nicht mittendrin, aber dabei: Roland Wohlfarth BILD

Wohlfarth ist jetzt 43. Auf den ersten Blick hat er sich kaum verändert. Auch wenn der Schnauzer ab ist und die buschigen Haare von damals etwas kürzer geworden sind. Der größte Unterschied: Er bringt zwanzig Kilo mehr auf die Waage als in seiner aktiven Zeit. Das Gewicht war immer der größte Widersacher in seiner Karriere. Der ewige Kampf gegen die Lust auf Deftiges, auf Imbissspezialitäten und Bier zermürbte ihn. "Das hat keinen Spaß gemacht. Die anderen mussten essen, um auf ihr Gewicht zu kommen. Da war ich neidisch!"

Der Ball hat RUND zu sein, so stand es geschrieben im Notizbuch Sepp Herbergers. Dass der Ball auch Ecken und Kanten haben kann, zeigt das Fußballmagazin RUND . RUND als Abonnement » Nachdem Wohlfarth 1984 zum FC Bayern gewechselt war, haftete ihm bald das Image an, zu dick zu sein. Dagegen gewehrt hat er sich nie. Er hat sich damit arrangiert und auch seine Vorteile daraus gezogen. In aller Gemütlichkeit trank der stille Genießer sein Bierchen, Wohlfarth galt als harmlos und gutmütig, als einer, der mit allen klar kam. Er verhielt sich so unauffällig, dass er sich trotz ausgeprägtem Torinstinkt regelmäßig zum Saisonbeginn auf der Ersatzbank wiederfand. Neue Stürmer wie Mark Hughes oder Alan McInally waren gesetzt. "Nach ein paar Wochen bekam ich aber meine Chance. Und sobald ich rein kam, fluppte es wieder."

So gut, dass Wohlfarth trotz Teilzeitarbeit 119 Tore für die Bayern schoss. Ausgenutzt hat er diesen Umstand nie, um seinen Status im Team zu verbessern. Politik machen? "So einer war ich nie", gibt er sich empört. Selbstdarstellung war dem Antistar verhasst. Pressetermine brachten ihn so aus der Fassung, dass er schon mal durch Fenster kletterte, um wartenden Journalisten zu entkommen. "Mit allem konnte ich umgehen: Wenn ein Nachbar gestorben war oder ich Streit mit meiner Frau hatte – aber mit der Presse, da ging meine Konzentration verloren, Blut und Wasser habe ich da geschwitzt."

Selbst Uli Hoeneß konnte den Bocholter nicht dazu bewegen, sich besser zu vermarkten. "Der Uli hat mich immer geholt und gesagt, ich müsse mal frecher werden und nicht immer nur ‚Ja ja‘ sagen. ‚Uli‘, hab ich gesagt, ‚wenn ich mich verstelle, dann krieg ich gar nichts mehr auf die Reihe. Lass mich so, wie ich bin.‘"

"Uli, lass mich so, wie ich bin"