Westliche und islamische Welt waren erschüttert, ja empört über unsägliche Quälereien irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten in Abu Ghraib. General Taguba weist im offiziellen Untersuchungsbericht nach, dass Ende 2003 Militärpolizei in dem Gefängnis Verwahrte systematisch körperlich und seelisch misshandelte. Erwähnt werden beispielhaft: Simulieren von Elektrofolter durch Anlegen von Drähten an Fingern, Zehen und Genitalien, Vergewaltigung weiblicher Inhaftierter und Androhung von Vergewaltigung gegenüber Männern, tagelange Entkleidung, Erzwingen sexueller Posen und des Onanierens mit Videoaufzeichnung, Einsatz scharfer Hunde ohne Maulkorb, Niederschlagen, Stoßen und Treten.

Hierzulande erregten Bilder aus Afghanistan die Gemüter. Sie zeigten deutsche Soldaten, die mit Totenschädeln posierten . Verantwortliche Politiker distanzierten sich in beiden Fällen mit starken Worten. Eine Mitschuld militärischer oder politischer Führungen wiesen sie von sich. Hüben wie drüben versicherte man, es seien lediglich Einzelfälle auf der unteren Verantwortungsebene. "Ein paar Leute, die unsere Werte verraten haben", sagte Donald Rumsfeld als amerikanischer Verteidigungsminister.

Sind es aber tatsächlich nur individuell zu verantwortende Ausrutscher? Ist es erforderlich und genügend, die wenigen erkannten Soldaten als schwarze Schafe aus der Armee zu entfernen und hart zu bestrafen, im Übrigen außenpolitisch Schadensbegrenzung zu betreiben? Kriminologen können anhand ihrer Gewalt- und Subkulturforschung aufzeigen, dass es sich um so oder ähnlich erwartbare menschliche Verhaltensweisen handelt. Sie sind großenteils aus geschaffenen Rahmenbedingungen in entsprechenden Lagen ableitbar. Gewissermaßen „Normalität“, vor allem in kriegerischem Geschehen, "Banalität des Bösen" in den Worten Hannah Arendts. Gewalt, Brutalität und Obszönität, zu denen sich viele, womöglich die meisten Menschen in außerordentlichen Situationen hinreißen lassen können, gewöhnliche Menschen wie du und ich, nicht Bestien. Das gilt es sich einzugestehen, im Voraus zu bedenken und deswegen rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen, solche Neigungen zu bändigen, statt später überrascht zu werden und bloß exemplarisch ausstoßend und strafend auf "Einzelfälle" zu reagieren.

Philip Zimbardo – amerikanischer Psychologe – zeigte sich nicht überrascht von den Ereignissen in Abu Ghraib. Er hält den Verantwortlichen vor, sie hätten bei der Planung und Durchführung der militärischen Intervention im Irak grundlegende Erkenntnisse aus seinem Gefängnisexperiment von 1971 ignoriert. In dieser Studie an der Stanford-Universität hatte er ein Gefängnis simuliert. 24 Freiwillige, ausgesuchte Studierende, erhielten per Losentscheid für 14 Tage die Rollen als Gefangene oder Aufseher zugewiesen. Schon nach einer Woche musste das Experiment abgebrochen werden. Die Eigendynamik hatte zu einem nicht mehr verantwortbaren Ausmaß an Übergriffen geführt. Nicht gründlich vorbereitet auf ihre Rollen und nicht straff kontrolliert hatten die Aufseher herablassende und sadistische Verhaltensweisen angenommen. Gefangene mussten sich nackt ausziehen, Obszönitäten und Schläge gefallen lassen.

Ähnliche Erkenntnisse hatte zuvor bereits Stanley Milgram – gleichfalls Psychologieprofessor – in seinem Experiment an der Yale-Universität gewonnen. Freiwillige nahmen daran teil. Sie sollten – vermeintlich als Lehrer, in Wahrheit als Testpersonen – ihre „Schüler“, tatsächlich aber instruierte Schauspieler, zu besserem Lernverhalten zwingen durch Einsetzen von Elektroschocks bei dem Auftreten von Fehlleistungen. Sie folgten dabei den Anweisungen der Untersuchungsleiter und steigerten die vermeintlichen Elektrostöße, manche bis zu den angezeigten tödlichen 450 Volt. Belegt wurde dort, dass Menschen bereit sind, ihre eigene Gewissensentscheidung zugunsten der einer Autorität – die des Wissenschaftlers – hintanzustellen und Gewalt gegen andere zu verüben, wenn es denn einem guten Zweck dient.

Manche Kritiker halten diesem Vergleich entgegen, in den Experimenten hätten künstliche, so nicht übertragbare Bedingungen geherrscht. Auch seien nur institutionelle Wirkgrößen, nicht persönliche Eigenschaften einzelner Menschen berücksichtigt worden. Die Einwände schlagen aber nicht durch. Lassen sich schon normale Menschen in freiwillig gewählten, künstlichen Situationen unter bestimmten Rahmenbedingungen zu inhumanem Verhalten hinreißen, so muss man das erst recht erwarten in realen Kriegslagen.