Kaum angefangen, schon verschoben: Als am Montag morgen der Präsident der 1. Strafkammer am Mailänder Gericht, Edoardo D'Avossa, den Prozess wegen Steuerhinterziehung und Bilanzfälschung gegen Silvio Berlusconi und weitere 13 Angeklagte eröffnen wollte, stellten Berlusconis Anwälte prompt einen Antrag auf Befangenheit des Vorsitzenden Richters. D'Avossa habe im Vorfeld des Prozesses behauptet, Berlusconis Fernsehunternehmen Mediaset sei berüchtigt für seine Geschäftspolitik der schwarzen Kassen. Ein solcher Richter, erklärten die Verteidiger, sei voreingenommen und deshalb nicht befugt, über Silvio Berlusconi Recht zu sprechen. Die Verhandlung wurde sofort unterbrochen, erst nächsten Montag soll es weitergehen. Der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi (Archivfoto vom 11. 12. 2003)

Berlusconi hat schon oft vor Gericht gestanden – verurteilt wurde er nie. Wegen Verjährung oder einfach, weil der Straftatbestand nicht mehr gegeben war. Als Regierungschef machte sich der reichste Mann Italiens seine eigenen Gesetze, seine Rechtsanwälte aber machte er zu Parlamentariern, Ministern oder zum Vorsitzendes des wichtigen Justizausschusses.

Nach den Parlamentswahlen im April aber ist Berlusconi mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis in der Opposition. Endlich Gelegenheit, ihm einen ordentlichen Prozess zu machen, frohlockten seine Gegner. Es steht ja noch etwas aus: Im Mailänder Verfahren geht es um Tricksereien beim Kauf von Filmrechten, um Tarnfirmen und Schwarzgeld – und insgesamt um 470 Millionen Euro, die angeblich dem Fiskus vorenthalten wurden.

Mitverstrickt in das Netz der Berlusconi-Firmen ist der Londoner Anwalt David Mills, der unter Druck und großzügiger Zuwendung von "Schweigeldern" für seinen mächtigen italienischen Mandanten Falschaussagen vor Gericht getätigt haben soll. Mills war bis Anfang des Jahres Ehemann der britischen Kulturministerin Tessa Jowell.

50.000 Seiten Beweismaterial hat die Mailänder Staatsanwaltschaft zusammengetragen. Eine Redundanz, die den Prozess gefährden könnte. Denn die Mühlen der italienischen Justiz mahlen ohnehin langsamer als irgendwo sonst in Europa, und erst nach der dritten Instanz wird ein Urteil überhaupt erst rechtkräftig. Man muss sich also auf jahrelange Verhandlungen einstellen, zumal Berlusconis Anwälte ihre Strategie bereits zur Eröffnung erahnen ließen: Verzögern, verzögern, verzögern. Ins Gefängnis wird der 70-Jährige Berlusconi auch im Falle einer endgültigen Verurteilung nicht wandern. Für Delinquenten seines Alters ist nämlich grundsätzlich Haftverschonung vorgesehen. Schlimmstenfalls droht also irgendwann Hausarrest in einer seiner Villen.

Folgerichtig sorgte der Prozessauftakt am Montag nur im Ausland für Schlagzeilen. Der überregionalen italienischen Presse war das neue Verfahren gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten keine Zeile wert.