Ein seit Jahren dauernder Streit über das Schächten von Tieren wird an diesem Donnerstag vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig fortgesetzt. Ausgelöst hat den Prozess der türkische Metzger Rüstem Altinküpe aus dem hessischen Aßlar. Der seit 24 Jahren in Deutschland lebende Türke will durchsetzen, dass er nach islamischem Ritus ohne Betäubung Tiere schlachten darf was aber das deutsche Tierschutzgesetz untersagt.

Martin von Wenzlawowicz ist Tierarzt am Beratungs- und Schulungsinstitut für schonenden Umgang mit Zucht- und Schlachttieren im holsteinischen Schwarzenbek. Er schult Personal von Schlachthöfen und erforscht im Auftrag des Bundes, der EU und der Industrie Betäubungsmethoden.

ZEIT online: Was genau ist der Streitpunkt?

Martin von Wenzlawowicz: Es geht um das betäubungslose Schächten, zu dem manche Muslime, wie Herr Altinküpe, in Deutschland eine Genehmigung fordern. Das Schlachten von Tieren ohne Betäubung ist jedoch in Deutschland nicht erlaubt, weil es die Tiere unnötigen Qualen aussetzt. Beim rituellen Schächten werden mit einem sehr scharfen Messer in einem einzigen Schnitt die Luft- und Speiseröhre und die großen Blutgefäße durchtrennt. Dazu muss das Tier in eine bestimmte Position gebracht werden, nach Mekka ausgerichtet, und auf dem Rücken oder der Seite liegen. Das Tier blutet dann aus. Ohne Betäubung spüren die Tiere den Schnitt in ihre Haut und durch die Weichteile des Halses. Bis sie das Bewusstsein verlieren, können sie kaum mehr atmen, weil sie Blut in die Bronchien und die Lunge einsaugen.

ZEIT online: Die Tiere werden nicht sofort bewusstlos?

Martin von Wenzlawowicz: Wenn alles korrekt läuft, das Messer scharf ist, der Schächter geübt, das Tier ruhig, kollabiert beispielsweise ein Schaf innerhalb von 2 bis 15 Sekunden, ein Rind in der Regel innerhalb von 10 bis 14 Sekunden. Ich habe jedoch bei meinen Besuchen auf kanadischen und französischen Schlachthöfen Rinder gesehen, die nach dem Schächten noch länger als eine Minute lang versucht haben, wieder aufzustehen. Sie reißen die Augen weit auf, schnaufen, stöhnen. Wenn sich die Hauptschlagadern durch Blutgerinnsel oder ein Zusammenziehen der Arterienwände wieder verschließen, wird der Blutverlust sogar gestoppt. Ich habe Tiere gesehen, die sind noch nach mehr als sechs Minuten wieder aufgestanden und durch den Raum getorkelt. Die müssen dann wieder eingefangen werden. Das Messer muss nochmals angesetzt werden.

ZEIT online: Nun will ja auch der Islam Tiere nicht unnötig quälen. Welche Möglichkeiten gibt es?

Martin von Wenzlawowicz: Früher, bevor es Methoden zur Betäubung gab, war das Schächten möglicherweise die akzeptabelste Methode, ein Tier zu töten. Aber heute können wir Schmerzen vermeiden das tun wir ja auch bei uns Menschen. Kommen Muslime aus Ländern zu uns, wo solche Methoden nicht möglich oder üblich waren, zeigen wir sie ihnen. Die meisten Gläubigen sind sehr angetan und schächten daraufhin mit Betäubung, auf Schlachthöfen oder in Schlachträumen von Schäfern - zumal die Betäubung keinen Einfluss auf das vollständige Ausbluten hat. Es ist dann ein sehr ruhiges Ritual, allein schon aufgrund des viel langsameren Schlachtrhythmus. Es wird ein Gebet gesprochen, das Tier wird mit den Händen festgehalten. Da der Bolzenschuss die Schädelstruktur zerstört und damit das Fleisch für strenggläubige Muslime nicht mehr erlaubt ist, betäuben Muslime das Tier mit Strom. Zur üblichen Schlachtung unserer Tiere leiten wir dazu den Strom vier Sekunden durch das Hirn. Zur Schächtung, in der die Situation meist ruhiger ist, reichen zwei. Das ist wichtig für Muslime, denn das Tier, das sie essen wollen, darf nicht tot sein, streng genommen eben auch nicht tödlich betäubt. Bei einem kurzen Stromstoß kann man davon ausgehen, dass es für das Tier nicht tödlich wäre. Viele Muslime akzeptieren daher diese Methode.

ZEIT online: Nicht alle.

Martin von Wenzlawowicz: Lange Jahre war diese Schächtmethode in Deutschland die gängige und akzeptierte. Wir haben damit sogar Fleisch in den Iran und in andere muslimische Länder exportiert. Es galt als halal, als erlaubt. Doch die muslimische Gemeinschaft ist keine homogene. Manche, häufig Tunesier oder Marokkaner, meinen, die Schächtung müsse ohne Betäubung ablaufen. Auch in Hessen gibt es eine Gruppe konservativer Muslime, die dieser Auffassung ist. Zu ihr gehört der Metzger Rüstem Altinküpe.

ZEIT online: Kann man die Schmerzen messen?

Martin von Wenzlawowicz: Das ist ein Problem, auch in den gerichtlichen Prozessen. Selbst beim Menschen kann man das nicht direkt. Es gibt nur Hinweise wie ein steigender Herzrhythmus, ein Anstieg der Stresshormone im Blut und eine Veränderung des Hämatokrit-Wertes, und natürlich die sichtbaren Schmerzäußerungen. Da gibt es jedoch Unterschiede zwischen den Tieren. Während das Rind sichtlich kämpft, ist das Schaf ein Opfertier es bleibt recht ruhig. Wenn sich ein Schaf beim Viehtransport mit seiner Wolle verheddert und die Haut aufreißt, regt es sich kaum. Das liegt aber an der Evolution. Wenn der Wolf ein Schaf gerissen hatte und noch mal den Kopf heben konnte, um sich nach Rivalen umzuschauen, konnte das ruhige Schaf vielleicht noch entkommen. Die physiologischen Strukturen sind aber natürlich die gleichen wie beim Rind oder dem Menschen.

ZEIT online: Auch die gängigen Schlachtmethoden in Deutschland sind in der Kritik, wenn es beispielsweise zu misslungenen Bolzenschüssen kommt.

Martin von Wenzlawowicz: Manchmal ist der Schlachttakt so hoch, das Personal womöglich betrunken – haben wir alles schon erlebt –, dass es tatsächlich zu unwürdigen Szenen auf dem Schlachthof kommt. In der Summe sind es natürlich viel mehr Tiere in Deutschland, die qualvoll durch einen falsch gesetzten Bolzenschuss verenden als durch eine betäubungslose Schächtung wegen der großen Zahl an Schlachtungen. Doch man muss die Relation sehen. In aller Mehrheit verläuft eine Schlachtung bei uns wie geplant. Nach einer betäubungslosen Schächtung steht im Schnitt jedes zehnte Rind noch einmal auf.

Das Gespräch führte Wenke Husmann

Zum Thema
"Bete und schächte" - Über den Umgang mit Schlachttieren in der islamischen, jüdischen und christlichen Tradition (ZEIT 06/2004) "