Jetzt geht wohl auch die Interimszeit in Kuba zu Ende. Der große Revolutionsführer Fidel Castro war am Samstag zu schwach, um bei den Feierlichkeiten zu seinen Ehren dort zu erscheinen, wo er fast ein halbes Jahrhundert lang der Großmacht USA trotzte. Die Abnahme der Militärparade musste der 80-Jährige seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl überlassen, dem er am 31. Juli die Führung des Landes übergeben hatte.
Castro bei einem seiner letzten Auftritte BILD

Alle Kubaner und die Eingeladenen aus aller Welt hatten bis zuletzt gehofft, dass sich Fidel noch einmal in der Öffentlichkeit zeigen werde. Denn die Feiern galten ja ausschließlich ihm: seinem 80. Geburtstag, der nachgefeiert wurde, und dem 50. Jahrestag des Beginns der Revolution in Kuba. Am 2. Dezember 1956 waren die Castro-Brüder und 80 weitere Revolutionäre, darunter der argentinische Arzt Che Guevara, nach Kuba zurückgekehrt, um den Diktator Fulgencio Batista zu stürzen.

Schon Mitte der Woche sagte Castro seine Teilnahme an der zentralen Geburtstagsfeier im Karl-Marx-Theater in Havanna ab. Er sei zu schwach für eine derart kolossale Veranstaltung, hieß es in einem dort verlesenen Brief. Besonders der letzte Satz machte die Zuhörer nachdenklich. Darin hieß es: »Ich verabschiede mich mit großem Schmerz, weil ich mich nicht persönlich bedanken und nicht jeden einzelnen von Euch in den Arm nehmen konnte.«

Unter diesem Eindruck nahmen die dann folgenden offiziellen Äußerungen den Charakter eines Abschieds von dem Kubaner an, der 47 Jahre die Geschicke der größten Antilleninsel bestimmt hat. Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der neue Verbündete Kubas, kündigte an, seinen sicheren Sieg bei den Präsidentenwahlen an diesem Wochenende in seinem Land »meinem revolutionären Vater« zu widmen. »Er gab uns ein Beispiel für historischen Mut und revolutionäre Erleuchtung«, schrieb er am Freitag. Und der designierte nicaraguanische Präsident, der linke Sandinist Daniel Ortega, will seinen Sieg Fidel »schenken«.

Die Botschaften der neuen Führer Kubas sind dagegen pragmatischer, aber auch sie lassen die Deutung zu, dass die Weichen für die Zeit ohne Fidel gestellt sind, beziehungsweise gestellt werden. Bei der Militärparade kommentierte Raul Castro, der Interimspräsident und Verteidigungsminister, die Abwesenheit seines großen Bruders mit keinem Wort. Er blickte in die Zukunft und bot dem Feind Washington erneut Gespräche unter Gleichen an, um die Differenzen zu überwinden. Das Embargo, das die USA seit Jahrzehnten wegen des kommunistischen Systems gegen Kuba verhängt haben, ist trotz der Freundschaft mit dem Ölstaat Venezuela eine schwere Last.

Eine weitere Belastung dürfte vorerst auch der Machtkampf unter den Nachfolgern sein. Die Äußerungen von Vize-Präsident Carlos Lage wiesen in diese Richtung. »Die revolutionären Kubaner sind nicht geteilt. Denn wir haben in unserem Unabhängigkeitskampf die Lektion verstanden. Es gibt keine Ambitionen, keine Egoismen, keine Eitelkeit. .. Wir haben eine Partei«, sagte Lage. »In Kuba gibt es keine Nachfolge. Es gibt nur Kontinuität in den Werken, in den Ideen und im Beispiel des 80-jährigen kubanischen Führers.«