Flog der Mörder von Alexander Litwinenko am 25. Oktober von Moskau kommend in London Heathrow ein? Die Vermutung drängt sich auf, nachdem die Fahnder von Scotland Yard ein besonderes Interesse gerade an dem British-Airway-Flug dieses Tages zeigen. Drei Boeing 767 der britischen Fluggesellschaft wurden am Mittwoch aus dem Verkehr gezogen; bei zwei Jets bestätigte sich der Verdacht, dass sie radioaktiv verstrahlt sind. Und zwar mit Polonium-210 dem Stoff, mit dem der Kreml-Kritiker Litwinenko vergiftet wurde und der auch schon an verschiedenen anderen Stellen in London entdeckt wurde.

Die dritte Maschine parkt noch in Moskau. Sie muss erst nach London zurückgeflogen werden, damit sie dort genauer untersucht werden kann. Bislang fand man bei ihr an Bord offenbar keine Strahlung.

Offiziell wird zu den neuen Ermittlungsergebnissen keine Erklärung geboten. Die britische Polizei hält sich bedeckt. Sie ist sich bewusst, dass sie in einem diplomatischen Minenfeld operiert weshalb sie lieber zu wenig als zu viel sagt. Man will die Spekulationen über Hintermänner oder staatliche Akteure des Mordanschlags noch nicht zusätzlich anheizen. Doch die Fahndung scheint erstaunlich gut voranzukommen und die Fakten sprechen für sich: Die strahlende Spur führt nach Moskau. Dorthin also, wo Litwinenko selbst die Verantwortlichen für den Anschlag auf ihn vermutet hat.

Sollte der Nachweis gelingen, dass die Strahlung vor dem 1. November, dem Tag, an dem der frühere Spion und Putin-Gegner vergiftet wurde, an Bord der beiden Boeings gelangte, stünde fest, dass der oder die Täter bereits eine Woche vorher von Moskau nach London geflogen waren oder dass zu diesem Zeitpunkt zumindest das Mordmittel, besagtes Polonium-210, nach Großbritannien gebracht worden ist.

Wer Litwinenko die tödliche Dosis am 1. November verabreicht hat, ist womöglich eine ganz andere Frage. Es könnte bei seinem Treffen mit drei Russen im Millenium Hotel im Londoner Westend geschehen sein, mit dem früheren KGB-Agenten Andrei Lugovoi und zwei weiteren Männern, mit denen er "geschäftlich" verbunden war. Sie alle flogen in den Tagen vor dem 1. November von Moskau nach London. Lugovoi beteuert seine Unschuld und behauptet, jemand versuche ihn zum "Sündenbock" zu machen.

Auch der italienische Akademiker Mario Scaramella, mit dem sich Litwinenko am gleichen Tag zuvor zum Lunch in einer Sushi Bar in Picadilly traf, wurde noch nicht von der Liste der Verdächtigen gestrichen. Auch wenn sein Anwalt am Donnerstag verkündete, sein Mandant sei nach dem Verhör durch die britische Polizei "aus dem Schneider". Litwinenko hatte einem Freund kurz vor seinem Tod gesagt, er glaube, dass Scaramella ihn radioaktiv vergiftet habe. Der Italiener sei bei dem Treffen auffällig nervös gewesen und habe nichts gegessen oder getrunken. Natürlich kann es für dieses Verhalten auch eine völlig harmlose Erklärung geben.