Der Fall Litwinenko wird immer brisanter und zugleich mysteriöser. Fast jeder Tag bringt eine neue Wendung. Neue Versionen und Deutungen werden präsentiert, um dann wieder verworfen zu werden. Am Wochenende waren nach überwiegender Medienmeinung die wahrscheinlich Schuldigen "Schurkenelemente" des FSB, des russischen Geheimdienstes, deren Agenten als Fans von CSKA Moskau zum Spiel der europäischen Champions League gegen Arsenal London angereist waren. Nächste Woche mag es schon wieder anders aussehen, auch wenn diese Lösung den Vorzug besitzt, die britisch–russischen Beziehungen nicht direkt zu beschädigen.

Am Verwirrspiel sind verschiedene Akteure mit ganz unterschiedlichen Motiven beteiligt. Da ist einmal die russische "connection", der Kreml selbst, die russische "Mafia" und Renegaten des Geheimdienstes, die angeblich auf eigene Faust operieren. Ihnen allen liegt daran, Spuren zu verwischen, falsche Spuren, inklusive atomarer Strahlung, zu legen oder den Verdacht auf andere zu lenken. Selbst die britischen Fahnder sind an diesem Spiel beteiligt, wenn sie auch aus ehrenwerteren Motiven heraus handeln. Etwa, um Gewissheit vorzutäuschen, wo keine besteht, um bei Tätern und Hintermännern Reaktionen auszulösen, die der Wahrheitsfindung dienen könnten.

Ein Musterbeispiel dafür liefert die Story von der radioaktiven Strahlung, die in diversen Boeings 767 von British Airways entdeckt wurde. Dabei handelt es sich um eine äußerst seltsame Geschichte. Polonium-210, als Mordmittel identifiziert, soll vor dem 1. November, dem mutmaßlichen Tag des Giftanschlags auf Litwinenko, an Bord eines Jets nach London gelangt sein, fest verschlossen in einem winzigen Behälter. Das hätten Messungen an Bord erbracht, wurde in der vergangenen Woche suggeriert.

Um Spuren von Radioaktivität im Jet zu hinterlassen, müssten die Täter die unglaublich klingende Dummheit begangen haben, den Behälter während des Fluges zu öffnen. Einzig in diesem Fall könne, sagen internationale Fachleute übereinstimmend, Strahlung im Jet aufgetreten und später gemessen worden sein. Was abwegig erscheint angesichts eines ansonsten absolut professionell durchgeführten Mordanschlages mit einer Substanz, die wohl in den staatlichen Atomanlagen Russlands erzeugt worden ist. Vielleicht diente die angebliche, wenn auch "geringe" Strahlengefahr für die 33.000 Passagiere von British Airways, die mit besagten Jets zwischen dem 25. Oktober und dem 3. November reisten, einzig dem Ziel, diese Passagiere genauer unter die Lupe zu nehmen, unter dem Deckmantel der Sorge um mögliche gesundheitliche Folgeschäden.

Anders liegt die Sachlage nach dem 1. November: Personen, die in Kontakt standen mit dem vergifteten Litwinenko, haben Strahlung verbreitet, an irritierend vielen Orten in Londons Westend, und sie können sie leicht auch in Flugzeuge nach Moskau getragen haben. Alle drei Jets von British Airways haben inzwischen das Signal "all clear", alles in Ordnung, erhalten und dürfen wieder fliegen. Was das für die Strahlung an Bord genau heißt, wurde nicht erläutert.