Der Fall des vergifteten russischen Ex-Spions und Putin-Gegeners Alexander Litwinenko bekommt fast jeden Tag eine neue Wendung. Nur die Klarheit ist nicht einen Deut größer geworden. Am vergangenen Wochenende waren nach überwiegender Medienmeinung, die auf Aussagen britischer Fahnder basiert, die wahrscheinlich Schuldigen "Schurkenelemente" im FSB, dem russischen Geheimdienst. Seine Agenten reisten womöglich getarnt als Fans von CSKA Moskau zum Spiel der europäischen Champions League gegen Arsenal London.

Diese Lösung besitzt einen unschätzbaren Vorzug: Sie beschädigt nicht direkt die britisch–russischen Beziehungen. Die Briten können schließlich schlecht sagen, dass ihrer Meinung nach der russische Staat selbst hinter dem Mord steht, und dann die volle Kooperation des Putin-Regimes erhoffen.

Darüber hinaus gibt es viel Spekulation und wenig harte Fakten: Angeblich verfolgte Litwinenko Pläne, russische Oligarchen und Geheimdienstler mit Informationen über ihre Vergangenheit zu erpressen. Angeblich will der Italiener Scaramella jetzt "wirklich auspacken", nachdem er seit gut zwei Wochen nichts anderes getan hat, als Interviews zu geben.

Am Verwirrspiel sind verschiedene Akteure mit ganz unterschiedlichen Motiven beteiligt. Da ist einmal die russische "connection", der Kreml selbst, die russische "Mafia" und Renegaten des Geheimdienstes, die angeblich auf eigene Faust operieren. Ihnen allen liegt daran, Spuren zu verwischen, falsche Spuren inklusive atomarer Strahlung zu legen oder den Verdacht auf andere zu lenken. Selbst die britischen Fahnder sind an diesem Spiel beteiligt, wenn sie auch aus ehrenwerteren Motiven heraus handeln. Etwa, um Gewissheit vorzutäuschen, wo keine besteht, um bei Tätern und Hintermännern Reaktionen auszulösen, die der Wahrheitsfindung dienen könnten.

Ein Musterbeispiel dafür liefert die Story von der radioaktiven Strahlung, die in mehreren Boeings 767 von British Airways entdeckt wurde. Dabei handelt es sich um eine äußerst seltsame Geschichte. Polonium-210, als Mordmittel identifiziert, soll vor dem 1. November, dem mutmaßlichen Tag des Giftanschlags auf Litwinenko, an Bord eines Jets nach London gelangt sein, fest verschlossen in einem winzigen Behälter. Das hätten Messungen an Bord erbracht, wurde in der vergangenen Woche suggeriert. Um Spuren von Radioaktivität im Jet zu hinterlassen, müssten die Täter die unglaublich klingende Dummheit begangen haben, den Behälter während des Fluges zu öffnen. Einzig in diesem Fall könne, sagen internationale Fachleute übereinstimmend, Strahlung im Jet aufgetreten und später gemessen worden sein. Was abwegig erscheint angesichts eines ansonsten absolut professionell durchgeführten Mordanschlages mit einer Substanz, die wohl in den staatlichen Atomanlagen Russlands erzeugt worden ist.