Auf das WM-Sommermärchen folgt, trotz frühlingshafter Temperaturen, dieser Tage das neudeutsche Wintermärchen. Erst besann sich die CDU darauf, dass sie neben den weiter verfochtenen Sozialreformen das Land wieder beglücken will, zum Beispiel mit einem längeren Arbeitslosengeld für Ältere (die Rechnung zahlt der Weihnachtsmann). Und nun reden die Politiker von Beck bis Merkel, kaum hat sich der Aufschwung verfestigt, kräftige Lohnerhöhungen herbei. Weil die Arbeitnehmer nach den Entbehrungen der vergangenen Jahre eine Bescherung verdient hätten und weil die Konjunktur auch angesichts des drohenden, von der Großen Koalition verursachten Mehrwertsteuer-Schocks eine Nachfrage-Stütze brauche.

Ein Schelm, wer dabei an Populismus denkt! Das Erstaunliche ist jedoch, dass selbst Blätter, die bis vor kurzem im großen Unisono das Reform-Reform-Lied sangen und denen die Einschnitte gar nicht hart genug sein konnten, um den Standort D. endlich wieder konkurrenzfähig zu machen, nun plötzlich Verständnis zeigen für die Sehnsucht nach allgemeiner Beglückung.

In das Bild vom leidenden Deutschland, das nach Aufmunterung und Reformpause lechzt nach all den Zumutungen der Schröder'schen Agenda, von Hartz IV und Gesundheits- bis Rentenreform, passt auch die neue Armutsstatistik des Statistischen Bundesamtes. Danach droht 10 Millionen Deutschen der Absturz in Not. Das ist immerhin jeder Achte und zusätzlicher Anlass für Politiker wie für einige Zeitungen, den politischen Fokus neu auszurichten.

Die Süddeutsche Zeitung stellt zunächst fast erstaunt fest, dass es Deutschland wieder prächtig zu gehen scheint, nachdem die Kanzlerin vor einem halben Jahr noch den "Sanierungsfall' ausgerufen hatte. Die neue Tonlage, die nun um sich greife, entspreche dem Gefühl vieler Menschen viel mehr: "Viele Bürger nervt die Litanei vom Reformieren, Sparen und Sanieren, auch das Kleinreden von Erfolgen. Zu Recht empfinden es zudem viele als ungerecht, dass Reformen in Land und Betrieben inzwischen zu wirken begonnen haben und sich dies im Geldbeutel nicht zeigt." Es sei deshalb "gut für das Gerechtigkeitsgefühl und für das Ansehen der Politik", wenn auch für die höhere Mehrwertsteuer ein Ausgleich entstehe.

Die SZ warnt jedoch wie andere Blätter davor, das "neue Wohlgefühl" dürfe "nicht zu alten Fehlern führen". Stattdessen müsse Merkels Regierung "zeigen, ob ihr gelingt, woran viele scheiterten: In guten Zeiten für später vorzusorgen." Dazu gehörten vor allem Investitionen in die Bildung. Denn von Arbeitslosigkeit und damit auch Armut seien nach wie vor vor allem Menschen ohne Schulabschluss betroffen: "Für sie hat sich an den Aussichten wenig geändert. Höheren Lohn kann nur bekommen, wer Arbeit hat."

Die FAZ mahnt wie andere Zeitungen die Politik zur Zurückhaltung in Tariffragen. Gewerkschaften und Arbeitgeber dürften bei den Tarifverhandlungen keine "Nachschlagdiskussion" führen, sondern müssten "das richtige Maß" finden, das sich an den künftigen Entwicklungen der jeweiligen Branche auszurichten habe. Dabei müsste auch die negative Beschäftigungsentwicklung in den Blick genommen werden.

Noch weiter geht die Welt , die den "Populismus" der politischen Lohnforderungen geißelt: "Dabei missachten die Politiker nicht nur, dass Lohnverhandlungen Sache der Tarifparteien sind. Vielmehr tragen sie mit ihren undifferenzierten Forderungen auch dazu bei, dass die Grundlage für den jetzigen Aufschwung zerstört werden könnte." Denn die löbliche Zurückhaltung der Gewerkschaften in den vergangenen Jahren sei nun einmal "einer der Hauptgründe dafür, dass wieder neue Arbeitsplätze in der Breite entstehen." Höhere Löhne vergrößerten jedoch den Anreiz für die Unternehmen, unproduktivere Stellen wegzurationalisieren.