Ganz Köln ist süchtig. Süchtig nach einem Stoff, den man mundartlich "Jeföhl" nennt. Einem Stoff, der weit mehr ist als einfach nur Gefühl. "Jeföhl" meint: Intensität, Bedeutung, Toleranz, Zugehörigkeit, Geborgenheit, ja Liebe. Eine gefährliche Droge. Jüngst erreichte nun ziemlich überraschend eine Lieferung in Premiumqualität die Stadt. Eine Lieferung, wie sie sonst nur irgendwann zwischen Februar und März über dem Dom ausgeschüttet wird, wenn am Rhein Karneval herrscht. Der Dealer: Christoph Daum!

Der seit Jahren gehuldigte und verlorene Sohn fügte sich wieder ein in die Lücke beim 1. FC Köln, die er vor 16 Jahren hinterlassen hatte. Für einige Tage waren die Straßen, die Kneipen und die Wohnzimmer beschwingt von "Jeföhl" feinster Qualität.

Ein Fest für alle Abhängigen, entwickelte der einst ruhmreiche Fußballklub sich doch seit Jahren zum Alltagslieferanten des heiß begehrten Stoffes. Schön war die viel zu kurze Zeit, als wenigstens der Wirkstoff "Poldi" angeboten wurde. Meist jedoch war das feilgebotene Präparat gestreckt mit den verhassten Ingredienzien "Trainer Funkel", "Präsident Rettig" oder "Spieler Cichon". Üble Nachwirklungen inklusive, versteht sich.

Deshalb haben sie seit Jahren nach dem legendären Stoff des Christoph Daum gefleht. Der jedoch beglückte Stuttgart, Istanbul, ja sogar die verhasste Nachbarstadt Leverkusen; jeder Tag machte ihn legendärer. Immerhin vermittelte die halbe Stunde vor Anpfiff der Kölner Heimspiele in der jüngeren Vergangenheit, wenn die Fans sich selber feiern, eine täuschend echte Vision von "Jeföhl", obgleich das, was in den 90 Minuten auf dem Platz folgte, meist furchtbar war. Die Schar der Abhängigen wuchs trotzdem.

Plötzlich jedoch, mitten in einer der grausamsten Depressionen, mal wieder wurde ein Trainer entlassen, sagte Manager Michael Meier: "Ich war heute Morgen am Krankenbett von Christoph Daum und habe ihn gefragt, ob er Trainer des 1. FC Köln werden will." Ein Schuss direkt ins Herz. Der Rausch war fantastisch. Daum sagte nach einigem Zögern  zu. Von einem Wunder war die Rede, die Leute feierten den großen Mann mit "Habemus"-Rufen, tauften ihn "Messias", es war herrlich. Köln, diese heimliche Hauptstadt des Mainstream-Hedonismus, pulsierte im Glück.

Doch als die Realität des Fußballs anstand, ein Spiel gegen den MSV Duisburg, folgte der Kater. Schlimmer als Aschermittwoch. Und der Ersehnte sagte, der harte Aufprall nach dem Rausch sei "vielleicht sogar ganz gut, sonst hätten alle gemeint, der Daum schafft das hier alleine". Sprachlosigkeit. So sind die Kerle, die mit "Jeföhl" handeln. Sie stellen große Erlebnisse in Aussicht, und plötzlich sind sie hart und unerbittlich. Kein Messias. Kein Wundertrainer.

Kann das sein? "Jeföhl" ist in Köln jetzt nur noch Schmerz. Der Angebetete ist in der Realität des Kölner Fußballs angelangt. Er taugt nicht mehr für die Phantasmen des Rausches, diese Erkenntnis schmerzt besonders. Mit der Verpflichtung ihres Heilands hat Köln eine ferne Insel des Träumens verloren.