Meine erste CD kaufte ich für zehn Mark einer Freundin ab. Sie hatte sich die Haare grün gefärbt, liebte jetzt die Sex Pistols und Bon Jovi und war nur froh, dass ich sie um Everything Changes von Take That erleichterte. Ich war dreizehn und bildete mir ein, diese Platte verändere wirklich alles. Take That bei ihrem Auftritt in Manchester im Mai 2006. Robbie Williams fehlt

Zum ersten Mal war ich Fan einer noch bestehenden Boygroup. Davor gab es für mich nur die Beatles-Platten meines Vaters, jetzt war ich am Zug. Der Pflege meines Take-That-Archivs widmete ich einen Großteil der Freizeit: Ich sammelte jedes Poster, jeden Artikel, jeden Schnipsel über die fünf Jungs aus Manchester und legte alles in einem Ordner ab. An die Zimmerwand kam nichts davon, ich wollte auch nicht zum Konzert, sondern verehrte sie im Stillen. Meine Eltern wurden meiner Begeisterung erst gewahr, als ich stundenlang vor der Musikanlage im Wohnzimmer saß und mit Gary und den anderen sang. Ich fragte sie ernsthaft, wie ihnen die Musik gefalle, dachte, sie könnten sich mit mir freuen. „Naja, ganz nett“, sagten sie.

Nett? Diese Lieder sprachen mir aus der Seele! Zu Garys romantischen Klavierballaden konnte ich heulen. Und wenn wieder ein Liebesbrief unangekreuzt zurückkam, stimmte ich mit Take That den Rachegesang an: Whatever you do to me, somebody else will do to you! However you break my heart, somebody else will break yours, too!

Ich nahm meinen neuen Kalligraphie-Füller her, tauchte ihn in violette Tinte und übersetzte die englischen Liedtexte in ein kleines rotes Buch. Jedes zweite Wort schlug ich nach und fügte es mit den vorherigen zu holprigen, oft sinnfreien Sätzen zusammen. Von der Arbeit zeugen purpurne Flecken auf dem Booklet von Everything Changes .

Natürlich war ich verknallt, hin- und hergerissen zwischen Robbie und Gary. Robbie war mein Schwarm, er hatte dieses freche Grinsen und die tolle Narbe am Kopf. Aber seine groben Finger und die abgekauten Nägeln missfielen mir. Gary hingegen fühlte ich mich ehrlich verbunden. Ich bewunderte ihn, weil er der einzige richtige Musiker der Gruppe war. Er schrieb und sang fast alle Lieder und konnte so schön Klavier spielen. Es tat mir ein wenig Leid, dass er so bieder daherkam und immer in der zweiten Reihe tanzen musste. Dabei waren die anderen doch nur Schmuckwerk, Jason und Howard hampelten ja nur herum. Besonders Mark hielt ich für überschätzt. Er war immer der Liebling der Fans, aber außer Babe dahinhauchen und stupsnasig dreinschauen konnte er nicht viel.

Nein, ich hielt zu Gary, bis ich in einem Steckbrief las, dass er nur 172 Zentimeter groß war. Das reichte mir nicht. Schließlich war er zehn Jahre älter als ich und würde nicht mehr wachsen, ich wahrscheinlich schon. Also doch lieber Robbies 1 Meter 85, da wäre ich auch mit hohen Absätzen auf der sicheren Seite.