Der Mythos um die New Yorker Band The Velvet Underground lebt. Im Internetauktionshaus Ebay wird derzeit eine unveröffentlichte Version ihres Debütalbums versteigert. Bei 128.000 Dollar liegt das bisher letzte Gebot.

Die Platte The Velvet Underground and Nico von 1967 ist ein Werk, das wohl ewig nachhallen wird. Einzigartig ist die Verbindung von eingängigem Rock'n'Roll mit Elementen aus Avantgarde und Fluxus. Ebenso besonders auch die Bandbesetzung: Lou Reed, John Cale, Moe Tucker, Sterling Morrison und die blonde Hünenfrau Christa Päffgen alias Nico verkörpern die Coolness der sechziger Jahre. Andy Warhol war der Manager und Produzent von The Velvet Underground. Seine phallische Banane, die man von der Papphülle schälen konnte, wurde zum berühmtesten Plattencover der Welt.

Warren Hill ist leidenschaftlicher Plattensammler. Im September 2002 durchstöbert der Kanadier im New Yorker Stadtteil Chelsea Grabbelkisten aus Schadensbeständen, darin allerlei musikalische Obskuritäten. Geduld ist das Kapital des Sammlers, er hofft auf die Unwissenheit des Verkäufers. Vielleicht findet sich zwischen all dem Wertlosen doch eine Perle – ganz unten in der Kiste oder in der nächsten, der übernächsten.

Warren Hill findet eine mysteriöse Platte mit der Aufschrift "Velvet Underground. 4-25-66. Att N. Dolph". Er kauft sie für 75 Cent. Es handelt sich um ein Dubplate, eine einzeln angefertigte, mit Acetat beschichtete Aluminiumplatte. Dubplates nutzen schnell ab und werden nur zu Testzwecken benutzt. Die Einzelstücke werden meistens direkt im Studio gefertigt.

Warren Hill ahnt, dass er etwas Großes entdeckt hat. Monatelang prüft er sein Fundstück mit Experten: Es enthält die Titel der berühmten Bananenplatte von The Velvet Underground, jedoch in anderen Versionen und anderer Reihenfolge. Hill sucht Norman Dolph auf, der als "N. Dolph" auf dem Label der Platte vermerkt ist. Dolph arbeitete in den Sechzigern als Außendienstler für Columbia Records und hat in Andy Warhols Auftrag in den New Yorker Scepter Studios eine Aufnahmesession mit The Velvet Underground durchgeführt. Warhol wollte einer Plattenfirma ein fertiges Album verkaufen, damit die junge Band später keine Kompromisse mehr eingehen müsste. Die Musik für The Velvet Underground and Nico war unkonventionell, und auch textlich entfernten sich Lou Reed und seine Kollegen mit Themen wie Drogen und Sado-Maso-Sex weit von Gewohntem.

In den Scepter Studios wurde also ein Dubplate angefertigt. Columbia Records lehnte das Angebot der Band ab. Später kamen The Velvet Underground bei Verve Records unter und nahmen einige Stücke neu auf. Sechs Titel schafften es auf das offizielle Debütalbum, allerdings in anderer Abmischung. Dolph bestätigt, dass es sich bei dem Dubplate um das Ergebnis der Scepter Session handelt —  also die allererste Platte von The Velvet Underground.