Schon Anfang November hatten mich zehnjährige Unterstufenchorsängerinnen erinnert: „Wir wollen endlich Weihnachtslieder singen!“ – „Bald“, versprach ich. Vor fünfundzwanzig Jahren, als ich das Referendariat antrat, hätte kein Gymnasiast nach Weihnachtsliedern verlangt. Singen überhaupt war verpönt.

Heute will ich Vivaldis Winter mit meinen Fünftklässlern hören, die das Frösteln und Zittern, das Über-das-Eis-Gehen in der Musik nachempfinden und nachgestalten sollen. Im Sommer bewegten sie sich als Fische und Seegras zu Saint-Saens’ Aquarium.

Kann man Musik unterrichten, ohne eigene Gefühle beim Hören zu haben und zu zeigen? Ich bin Zuhörer, Beobachter, Kritiker – muss selbst von dem begeistert sein, was ich anbiete. Ich möchte immer wissen, wie ein Werk ankommt.

Manche Schüler verschließen sich. Oft ist das altersbedingt und gilt auch anderen Fächer oder anderen Lehrern gegenüber. Gelegentlich muss ich den Animateur spielen, was ich hasse. Weshalb muss ich zur Beschäftigung mit wunderbarer Musik auffordern? Wirkt sie nicht durch sich? Sollen doch die Verweigerer auf gymnasiale Bildung verzichten! Das denke ich manchmal, ich sage es nie.

Irgend ein Zugang zum Werk oder zum Hörer findet sich dann doch. Schließlich handelt ja jede Art von Musik von etwas Menschlichem. Aber man kann nicht gezwungen werden, etwas zu lieben, das nicht. – Und wenn gar keine Resonanz kommt? Habe dann ich etwas falsch gemacht oder ist einfach Hopfen und Malz verloren?

Ach, die Zweifel, nicht genug getan zu haben; der Ärger, wenn jemand nur seine Zeit absitzt. Soll er doch.