Köhler hat einen Vorteil: Er kann sagen, was er denkt - ohne im nächsten Schritt komplizierte Mehrheiten schmieden zu müssen. Merkel kann das nicht. Täte sie es doch, gälte sie noch stärker als jetzt als schwache Kanzlerin, die ihren Willen nicht durchsetzen kann. Hinter diesem Vorwurf verbirgt sich allerdings eine ziemlich naive Erwartungshaltung: Mit einem fast gleich starken Partner in der Regierung, der ehemals politischer Gegner war, geht das nicht so leicht.

Köhlers Kritiker halten den Bundespräsidenten deshalb für maßlos arrogant gegenüber der politischen Klasse und zugleich für politisch naiv. Er pflegt das Image des ungeduldigen Seiteneinsteigers, dem die Politik viel zu langsam tickt, wo er nur kann. Dabei entstammt er selbst als ehemaliger Finanzstaatssekretär und langjähriger Regierungsbeamter der Politbürokratie und schart im Bundespräsidialamt ebenfalls Menschen aus dem Apparat um sich. Gert Haller, der Leiter des Hauses, folgte Köhler als Finanzstaatssekretär in der Regierung Kohl und ist nun nach Jahren in der Wirtschaft seit einem Jahr wieder an seiner Seite. Über den Leiter des kleinen Justizreferats lästern Kenner des Hauses, er scheine dem Bundesverfassungsgericht Konkurrenz machen zu wollen, was langfristig nur zum Konflikt mit Karlsruhe führen könne.

So formt sich langsam das Bild einer kleinen, verschworenen Truppe in Schloss Bellevue, die die politische Klasse das Fürchten lehren will - und dabei entweder nicht begreift, dass sie dem Vertrauensverlust der Bürger in die Politik Vorschub leistet, oder es bewusst in Kauf nimmt.

Vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten hatte Köhler überheblich gesagt: „Ich sorge mich in der Tat darum, ob die Deutschen die heutige Realität bereits hinreichend vor Augen haben: Die Zukunft Deutschlands lässt sich nicht mehr mit ein paar Reparaturen hier und da sichern. Wir müssen neue Wege gehen und die Menschen überzeugen, dass dies in ihrem eigenen Interesse geschieht.“ Erst kürzlich hat er Paul Kirchhof in einer Grundsatzrede zitiert. Zur Erinnerung: Merkel holte den ehemaligen Bundesverfassungsrichter als Kandidaten für den Posten des Finanzministers in ihr „Kompetenzteam“. Ihr Wahlkampf wurde zum Desaster.

Man wird den Eindruck nicht los, dass der Bundespräsident nicht akzeptieren möchte, wie die Bürger im vergangenen Jahr gewählt haben und sie eines Besseren belehren will. Und die Politiker gleich mit ihnen.

Zum Thema
Ärger über Köhler - Bundespräsident stößt in der Union auf harte Kritik »

E-Mail aus Berlin: Alle Kolumnen von Corinna Emundts »