Der komplexe Name soll Programm sein: Der parlamentarische Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft, der an diesem Montag im Fall Kevin mit der öffentlichen Beweisaufnahme begonnen hat, dient "zur Aufklärung von mutmaßlichen Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste". Kurz wird das Gremium laut Verfahrensordnung künftig schlicht als "Untersuchungsausschuss Kindeswohl" tituliert.

Tatsächlich müsste das Gremium Untersuchungsausschuss Kevin heißen. Dieser Name hat sich in Bremen eingebrannt als Synonym für ein staatliches Hilfssystem, das nicht half, wo Hilfe bitter nötig war. Der qualvolle Tod des Kleinkinds hätte verhütet werden können, wenn sich der zuständige Mitarbeiter des Amts für Soziale Dienste genug kümmert hätte.

Mit dem Fall Kevin geriet Bremen bundesweit in die Schlagzeilen. Denn anders als in anderen Fällen von tödlicher Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung war der Vormund des zweieinhalbjährigen Jungen, der Anfang Oktober tot im Kühlschrank der elterlichen Wohnung gefunden wurde, das Bremer Jugendamt.

Von Montag bis Mittwoch sind Sitzungstermine für den Ausschuss anberaumt. Im Januar geht es weiter. Mehrere Dutzend Zeugen sollen gehört werden. Menschen, die Kevin und seine Eltern kannten, Polizisten, Ärzte, Mitarbeiter von Hilfseinrichtungen, Beamte, Angehörige, aber auch die ehemalige SPD-Sozialsenatorin Karin Röpke, die wegen Kevins Tod zurücktrat. Sieben Themenkomplexe sind im so genannten Einsetzungsbeschluss formuliert. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, der CDU-Abgeordnete Helmut Pflugradt, versteht die Aufgabe des Gremiums so: "Wir sind nicht dazu da, den Einzelfall aufzuklären. Bei so gravierenden Fehlern müssen wir herausbekommen, ob neben persönlichem Fehlverhalten strukturelle Defizite eine Rolle gespielt haben."

Dass der Fall Kevin in einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden soll, beschloss die Bremische Bürgerschaft einstimmig. "Das ist das Besondere", sagt Pflugradt. In der Regel sei es die Opposition, die Untersuchungsausschüsse beantrage, um das Verhalten der Regierung kritisch zu durchleuchten. "Das ist hier anders. Die große Koalition in Bremen hat mit den Grünen ein gemeinschaftliches Interesse, dass Konsequenzen aus dem Tod Kevins gezogen werden."