Langsam rucken die Zahlen rückwärts. Unübersehbar leuchten die roten Ziffern, umgeben von den gelben EU-Sternen, an der Fassade eines Bankhauses im Zentrum Sofias. Sie zählen die Tage bis zu dem lange ersehnten historischen Datum: Dem Zeitsprung des ehemaligen Ostblockstaates in die dann 27 Mitglieder umfassende Gemeinschaft.

Auch Tichomir Beslov zählt in seinem Büro die wenigen noch verbleibenden Tage. Er sitzt zwischen Stapeln von Ordnern, gefüllt mit Berichten und internationalen Zeitschriften. Tichomir ist Mitarbeiter des Zentrums für Demokratieforschung und untersucht die Korruption im Land. Der 47-Jährige lehnt sich zurück und beginnt zu erzählen. "Seit 17 Jahren durchlebt Bulgarien seinen größten Transformationsprozess in der Geschichte, mit einem Ziel vor Augen: wieder ein Teil Europas zu sein."

Sein Ton wird schärfer, als er auf die internationalen Pressestimmen zu sprechen kommt. "Immer sind es die Punkte Kriminalität und Korruption, die herausgegriffen werden. Das ergibt ein einseitiges Bild von Bulgarien. Über dreißig EU-Aufnahmekriterien waren zu erfüllen. Bis auf sechs strittigen Punkten haben wir seit dem Jahre 2000 unsere Hausaufgaben gemacht." Eine enorme Leistung, wie er betont, die aber in der Auslandspresse kaum Beachtung finde. "Ich will die Situation keinesfalls beschönigen", sagt er und gibt ein Beispiel: "Dass es bis jetzt zu keiner Verurteilung eines der führenden Köpfe der Mafia gekommen ist, liegt an den komplizierten Verfahren. Die Angeklagten haben zehn und mehr Verteidiger. Das Fehlen eines einzigen Verteidigers reicht, um den Prozess zu vertagen - eine beliebte Taktik der Mafiosi, ihrem Urteil zu entgehen. Aber nur auf Zeit, denn die Arbeit an der Justizreform ist in vollem Gange. Wir arbeiten täglich an den noch offenen Punkten und haben schon viel erreicht", resümiert Tichomir.

Wer Bulgarien bereist, erlebt in der Tat ein Land im Aufbruch. Er spürt neben Anzeichen des neuen Europas aber auch viele Beharrungskräfte, Rückständigkeit, Tradition und Not in diesem ärmsten der neuen EU-Länder.

Die Hauptstadt ist im Moment von unzähligen Baustellen geprägt, als wolle Sofia am Tag Null ihr altes Gesicht ablegen. Wie in der Gründerzeit schießen Wohnblocks im Zentrum und Gewerbeparks an der Peripherie aus dem Boden. Häuser aus den 20er Jahren müssen neuen Business-Centern weichen. Die Immobilienpreise steigen täglich und beflügeln die Spekulation. Riesige Investmentreklamen verhüllen unvollendete Fassaden, locken ausländische Geldgeber mit lukrativen Angeboten. "Luxusappartments schon ab 30.000 Dollar" steht auf einem zwei Stockwerke hohen Banner in Englisch, gefolgt von Hugo-Boss- und McDonalds-Werbung.

Im Sommer eröffnete das City Center Sofia, ein sechsgeschossiges Kaufhaus mit moderner Glasfassade und 44.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. "Hauptsächlich italienische Marken der gehobenen Mittelklasse haben sich hier eingemietet", erklärt Tanja Chinova. Die 24-jährige PR-Mitarbeiterin ist sich ihrer privilegierten Stellung bewusst. Nachdem in den vergangenen Jahren etwa 800.000 Bulgaren, vor allem jüngere, das Land verließen, etabliert sich nun eine neue Mittelschicht. Der gute Job als PR-Managerin lässt Tanja Chinova gar nicht auf den Gedanken kommen, ihr Glück im Ausland zu suchen. "Überall woanders würde es mir schlechter gehen", sagt sie. Ihre Zukunft sieht sie im neuen Bulgarien.