In Großbritannien wird derzeit eine heftige Debatte über die Grenzen der Political Correctness geführt. Auslöser sind die jetzt erst bekannt gewordenen Umstände einer Flucht, die bereits ein Jahr zurückliegt. Kurz vor Weihnachten 2005 überfiel der 26-jährigen Somali Mustafa Jama gemeinsam mit anderen eine Bank in Bradford. Dabei wurde eine unbewaffnete Polizistin erschossen und eine andere schwer verletzt. Vier Mittäter wurden gefasst. Jama aber konnte fliehen.

Dabei stand er ganz oben auf der Fahndungsliste der Polizei; sein Bild war an alle Grenzübergänge, Flughäfen und Häfen herausgegangen. Eigentlich, so sollte man meinen, hätte es ihm nicht gelingen dürfen, das Land zu verlassen. Doch ein Niqab, die Vollverschleierung, die nur einen Augenschlitz freilässt, sowie der Pass seiner Schwester machten die Flucht möglich. Kein Grenzbeamter wagte es, die Identität der Person zu überprüfen und den Schleier zu lüften. Ansonsten wäre Mustafa Jama sofort erkannt und verhaftet worden. Aber die  Angst, gegen das ungeschriebene Gebot politischer Korrektheit zu verstoßen und muslimische Sensibilitäten zu verletzen, obsiegte.

Solches Verhalten ist weit verbreitet und kann bei den Kontrollen an britischen Flughäfen tagtäglich beobachtet werden: Lieber wird bei Sicherheitskontrollen eine ältere weiße Frau abgetastet, als dass das Sicherheitspersonal eine verschleierte Muslimin überprüft. Der Mörder konnte genau dieses Verhalten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einkalkulieren. Viele vor ihm dürften politische und religiöse Korrektheit auf ähnliche Weise genutzt haben.   

Bezeichnend auch die sonstigen Umstände des Falls. Mustafa Jama und sein Kumpan hatten Asyl in Großbritannien beantragt. Das wurde abgelehnt, doch verzichteten die Behörden darauf, die beiden Männer in ihre Heimat abzuschieben; der Menschenrechtsanwalt, der sie vertrat, nutzte wie so oft in solchen Fällen erfolgreich das Argument, in Somalia sei ihr Leben gefährdet. Bei der Aufenthaltserlaubnis blieb es selbst dann, als die beiden Männer wiederholt wegen Raubüberfällen ins Gefängnis wanderten. Nun genießt Mustafa Jama seine Freiheit in eben diesem Land, das als zu gefährlich galt, um ihn dorthin abzuschieben.

Die Debatte über den Schleier, die ein Minister der Regierung Blair vor drei Monaten lostrat, zielte auf die unbestreitbare Tatsache, dass Niqab und Burka ein "Zeichen der Trennung" darstellten, die  Gräben in der Gesellschaft vertieften und Integration verhinderten. Es ist bezeichnend, dass selbst solch ein offenkundig stimmiges Argument in manchen Milieus nach wie vor auf Ablehnung stößt. Nun gesellt sich ein sicherheitspolitisches Argument hinzu, dem ebenfalls schwer zu widersprechen ist. Doch man darf sicher davon ausgehen, dass sich auch dagegen Widerstand formieren wird.