Wolfgang Schäuble (CDU) will nichts mehr werden, außer vielleicht Bundespräsident. Das gibt ihm die Freiheit, unbequeme Dinge auszusprechen, die sich andere Politiker vielleicht auch denken, aber nicht auszusprechen wagen. Schon die Anhebung der Altersgrenze auf 67 Jahre, von Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) betrieben und von der Großen Koalition gerade erst beschlossen, war so mutig wie unpopulär. Wählerstimmen gewinnt man so jedenfalls nicht.

Dabei vollzieht die Politik mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit nur nach, was die demografische Entwicklung unabweislich verlangt. Weil immer mehr Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter werden, mithin 15, 20 oder noch mehr Jahre lang Rente beziehen, gleichzeitig aber immer weniger Jüngere in das Rentensystem einzahlen, kann die Rechnung des so genannten Generationenvertrags nicht mehr aufgehen.

Denn der war, als er unter Bismarck erdacht wurde, darauf ausgelegt, dass die Arbeiter und Angestellten nach dem Ende ihres Berufslebens im Schnitt allenfalls noch einige wenige Jahre eine karge Rente bezogen. Sie sollten damit vor der damals noch verbreiteten Altersarmut geschützt werden. Das Renteneintrittsalter von 65 Jahren, das bislang im Grundsatz Bestand hatte, wurde gerade so gewählt, dass es in etwa der damaligen durchschnittlichen Lebenserwartung entsprach. Viele erreichten also gar nicht erst das Rentenalter, und das war auch so gewollt. Denn sonst wäre die Bismarcksche Rechnung schon damals nicht aufgegangen.

Heute aber ist ihr vollends die Grundlage entzogen. Schon jetzt kommt rechnerisch auf drei Beschäftigte ein Rentner. 2030 müssen bereits zwei Beschäftigte für einen Rentner sorgen. Und das Verhältnis verschiebt sich weiter zu Lasten der aktiven Bevölkerung, wenn es keine Änderung gibt.

Die Schlussfolgerungen sind relativ klar: Entweder müssen die Beschäftigten einen immer größeren Anteil ihres Einkommens für die Rentner aufbringen, sprich: der Rentenbeitrag muss weiter steigen - in astronomische Höhen. Oder die Menschen gehen (noch) später in Rente, wodurch sie einerseits selber länger Beiträge einzahlen und andererseits kürzer Rente beziehen. Eine doppelte Entlastung der Rentenversicherung also.

Nun lässt sich dagegen einwenden, dass es für Ältere keine oder nicht genug Arbeit gibt. Das ist im Moment sicher richtig (und auch eine Folge der falschen Politik der früheren Kohl-Blüm-Regierung, die Menschen immer früher in Rente zu schicken, um den Arbeitsmarkt zu entlasten). Aber schon in wenigen Jahren, wenn immer weniger Junge auf den Arbeitsmarkt kommen, wird der Bedarf an älteren, qualifizierten und erfahrenen Arbeitskräften wachsen. Dann werden Unternehmen, die heute ältere Beschäftigte noch reihenweise vorzeitig aufs Altenteil schicken, zu Lasten der Rentenversicherung, verzweifelt nach ihnen Ausschau halten. Und die Gesellschaft wird es sich gar nicht mehr leisten können und wollen, die Fähigkeiten und Erfahrungen von weit mehr als einem Drittel der Bevölkerung brach liegen zu lassen und die Menschen mehr als Hälfte ihres Lebens - in der Jugend wie im Alter - untätig zu alimentieren.