Deutschland übernimmt im Jahr 2007 den Vorsitz der G8-Gruppe der größten Industrienationen - und damit die Verantwortung für die Verwirklichung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen . Die hat sich nämlich auch die G8 vorgenommen, unter dem maßgeblichen Einfluss des britischen Premierministers Tony Blair, der wiederum schwer von den Ideen des US-Ökonoms Jeffrey Sachs beeindruckt ist. Die Millenniumsziele sehen vor, dass die schlimmste Armut auf der Welt halbiert wird, das ist anspruchsvoll. Doch kann mehr Entwicklungshilfe da wirklich etwas ausrichten? Haben wir das nicht seit 50 Jahren erfolglos versucht?

Ein Schwerpunkt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT geht in dieser Woche der Frage nach, ob es noch Hoffnung gibt für die Ärmsten der Welt.

ZEIT online: Professor Sachs, bei den Vereinten Nationen sind Sie darum gebeten worden, die Fortschritte in der Armutsbekämpfung zu überwachen - aber Sie tun auch selber etwas und lassen in Afrika Modelldörfer einrichten. Sind die paar Dörfer nicht ein bisschen wenig, um den Kampf gegen den weltweiten Hunger zu gewinnen?

Sachs: Diese Dörfer sind eine Demonstration - dafür, wie man die Millenniums-Entwicklungsziele erreichen kann ...

ZEIT online: ... also das ehrgeizige Versprechen, binnen 15 Jahren die Armut zu halbieren.

Sachs: Genau, und dafür ist noch sehr viel mehr Entwicklungshilfe aus den reichen Ländern notwendig. Wir wollen zeigen, wie diese zusätzliche Entwicklungshilfe eingesetzt werden kann, dass das Helfen wirklich funktioniert, und dass es sich auch für Regierungen in armen Ländern lohnt, mit uns zusammenzuarbeiten. Dann können wir aufhören, angesichts dieser riesigen Aufgabe die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen, und endlich anfangen, etwas zu tun.

ZEIT online: Ihre Dorfprojekte sollen fünf Jahre lang laufen. Das erscheint reichlich kurz, um wirklich etwas zu bewegen - an den materiellen Gegebenheiten in diesen Dörfern und auch in den Köpfen der Menschen.

Sachs: Ehrlich gesagt, um die Köpfe mache ich mir keine Sorgen. Wir haben einen überraschenden Tatendrang vorgefunden. Es gibt genug Leute, die ein Unternehmen gründen würden, die die nächsten Schritte für die Entwicklung nehmen würden. Es braucht aber Zeit, bis die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, das fängt schon bei Dingen wie ordentlichen Straßen an. Wir haben ein paar schnelle Erfolge erzielt, zum Beispiel die landwirtschaftlichen Erträge erhöht, aber das allein reicht auf Dauer nicht.

ZEIT online: Also werden sogar Ihre Modelldörfer nach fünf Jahren immer noch Hilfe von außen brauchen.

Sachs: Richtig. Wir haben nie gesagt, dass diese Dörfer - und diese Länder - nach so kurzer Zeit keine Hilfe mehr brauchen werden. Mehr Geld wird gebraucht, um Dinge wie Schulen und Kliniken zu managen und ein ordentliches öffentliches System zu betreiben. Es geht auch um kleine Straßen, Trainingsprogramme, Stromleitungen und so weiter.

ZEIT online: Kritiker würden sagen, dass Ihr Projekt damit nicht nachhaltig ist.

Sachs: Was wir mit "Nachhaltigkeit" meinen, ist, dass die Haushalte in diesen Dörfern fortan einen Überschuss in der Landwirtschaft erwirtschaften, dass sie ihn investieren und den Weg zu eigenem Wirtschaftswachstum beginnen. Das muss aber weiter von einem öffentlichen Sektor unterstützt werden, der die Grundbedürfnisse und die öffentliche Infrastruktur managt. Schauen Sie sich doch Ihr eigenes Zuhause an: Jeder von uns verlässt sich doch auf öffentlich finanzierte Schulen, Verkehrswege oder Krankenhäuser. Diese Dörfer sind nicht anders. Der Unterschied ist nur, dass Kenias Staatshaushalt das bisher nicht alleine leisten kann.