Der Iran-Konflikt hat die unangenehme Eigenschaft, dass er zu plötzlichen Eskalationen tendiert. Das liegt an seiner Struktur. Iran ist eine aufsteigende Regionalmacht , und eine ihrer Strategien besteht darin, sich Atomtechnik zuzulegen. Deren Entwicklung schlägt aber aus technischen Gründen an einem bestimmten Punkt qualitativ um, dann nämlich, wenn es ein Leichtes ist, sie zu militärischen Zwecken umzuwidmen. Von diesem Status eines potenziellen Kernwaffenstaates ist Iran, bedenkt man die Voraussetzungen einer Atombewaffnung, etwa drei bis zehn Jahre entfernt. Mit anderen Worten: Da tickt eine Uhr, und an ihr ist eine Bombe befestigt. Weshalb diejenigen Mächte, die Iran so weit nicht gehen lassen wollen, ein Dringlichkeitsproblem haben. Timing ist alles, und einfaches Zuwarten, oft ein probates Mittel der Diplomatie, nützt diesmal nichts. Daher die Ungeduld, und daher die Eskalationsgefahr.

Sie besteht zurzeit wieder. Dass Iran auf den jüngsten Sanktionsbeschluss des Weltsicherheitsrat selbstbewusst reagieren würde, das war im Vorhinein klar. Die Anlage zur Anreicherung von Uran in Natanz werde nun „beschleunigt“ ausgebaut, hieß es aus Teheran. Was das bedeuten soll, ist zwar nicht ganz klar, und auch nicht, ob sich das Programm überhaupt beschleunigen lässt. Eindeutig ist aber, dass das Regime die vom Sicherheitsrat verhängte Frist von 60 Tagen verstreichen lassen will, in der es den Forderungen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA nach Aufklärung und vorläufigem Anreicherungsstop nachkommen soll. Stattdessen ist geplant, das jährliche Revolutionsjubiläum vom 11. bis 20. Februar zu nutzen, um „einen nuklearen Sieg zu feiern“, wie ein Regierungssprecher bekannt gab.

Pure Symbolik, könnte man meinen, aber eben doch politische Symbolik, nämlich ein Signal der Intransigenz gegen die Weltgemeinschaft. Gleiches gilt für den Auftrag des iranischen Parlaments an die Regierung, die Beziehungen zur IAEA zu überdenken. Nicht der erste Beschluss dieser Art, und zu erwähnen ist auch, dass sich die lautstarke Minderheit nicht durchsetzte, die für die Kündigung des Atomwaffensperrvertrags votierte. Überdies ist nicht die Regierung, sondern der „Oberste Führer“ für dieses Thema zuständig. Gleichwohl, das Signal ging um die Welt und bedeutete: Wenn ihr so weiter macht, steigen wir aus dem Zug aus.

So beginnt Eskalation. Nicht übrigens mit dem Beschluss des Sicherheitsrats, der sehr, der allzu maßvoll ist; die Reisen einiger Zentralfiguren des Atom- und Raketenprogramms sollen überwacht werden, außerdem dürfen bestimmte nukleartechnische Komponenten nicht ins Land gebracht werden. Weiter gehen da schon die von den Vereinigten Staaten verhängten Maßnahmen, die insbesondere die Geschäfte mit iranischen Banken beschränken.

Auf Eskalation deuten indes andere Aktivitäten hin. Die USA und Israel versuchen nachzuweisen, dass Teheran der Drahtzieher terroristischer Akte im Irak und in Gaza ist. Maritime Übungen mehrerer Nationen unter der Führung der USA im Golf von Bahrain sowie die Entsendung des amerikanischen Flugzeugträgers Eisenhower in den persischen Golf sind als Signal an Teheran ebenso zu verstehen wie das erneute Aufflackern der Diskussionen über eine „militärische Option“ in Washington, Tel Aviv und London.

Das alles muss nicht zum Nennwert genommen werden. Aber das Vertrackte an Eskalationen ist, dass Signale falsch gelesen werden können und dass im Wechselspiel der Drohungen ein Punkt erreicht werden kann, wo das Virtuelle ins Reale umschlägt - hinterher will es dann keiner gewesen sein. Woraus sich ergibt, dass der iranischen Krise in den kommenden acht Wochen der Zünder abmontiert werden muss, sonst könnte es knallen.