Muammar al-Gadhafi ist ein schlauer Führer. Seit 37 Jahren regiert er in Libyen und er weiß, dass er trotz aller Hartnäckigkeit nicht ewig regieren kann. Lieblingsnachfolger ist sein Sohn Saif alIslam. Als guter Vater versucht er, Ordnung in seine Angelegenheiten zu bringen. Er will kein Chaos hinterlassen, keinen Trümmerhaufen.

Auf den ersten Blick scheint das Todesurteil gegen die fünf bulgarischen Krankenschwestern und den palästinensischen Arzt Anfang dieser Woche genau in die entgegengesetzte Richtung zu deuten. Den Angeklagten wird vorgeworfen, mehr als vierhundert libysche Kinder mutwillig mit dem HI-Virus infiziert zu haben, um an ihnen heimlich Medikamente zu testen. Die Anklage beruft sich auf Geständnisse, die - darüber wird sogar in Libyen gesprochen - unter Folter abgegeben und längst widerrufen wurden. Die Richter ignorierten zudem Gutachten, die nachweisen, dass Aids schon vor der Ankunft der Pflegerinnen und des Arztes im Al-Fatih-Krankenhaus in Benghasi verbreitet war.

Kurz: Die Prinzipien eines fairen Prozesses werden mit den Füßen getreten und zu Recht protestieren Menschenrechtsorganisationen. Die Europäische Union und die USA denken laut über ein Abkühlen der gerade angetauten Beziehungen zum Wüstenland nach.

Auf den zweiten Blick könnte der abstrus-makabere Aids-Prozess aber auch der letzte Schritt hin zu einer endgültigen Wiedereingliederung Libyens in die Weltgemeinschaft sein. Gadhafi ist ein Diktator, aber er handelt nicht irrational. Seit 2000 schlägt das libysche Regime wahre Saltos, um sich dem Westen anzunähern. Gadhafi lenkte im Lockerbie-Fall ein und überstellte die Verdächtigen des Flugzeugattentats von 1986 an das Gericht im niederländischen Camp Zeist. Auch in der La-Belle-Affäre (Es ging um den Anschlag auf eine Diskothek in Berlin) machte die libysche Regierung für ihre Verhältnisse weitgehende Zugeständnisse. Dann überraschte Gadhafi die Welt mit dem freiwilligen Verzicht, nach Massenvernichtungswaffen zu streben.

Seitdem herrscht Tauwetter zwischen Washington und Tripolis. Amerikanische Ölkonzerne  bekommen Lizenzen. Zum Teil sind es die gleichen Unternehmen, die nach der Revolution 1969 aus dem Land gejagt wurden. Auch mit Europa ist Libyen im Gespräch. Die EU lieferte High-Tech-Ausrüstung und Libyen verspricht im Gegenzug, Bootsflüchtlinge an der Reise nach Europa zu hindern. Europäische Staatschefs beehren Tripolis. Libyen scheint fast am Ziel: zurück im Schoße der Weltgemeinschaft.

Wieso setzt Gadhafi nun alles aufs Spiel wegen einiger Krankenschwestern? Wieso begnadigt er sie nicht einfach? Zuletzt war zum Jahrestag der Revolution im September über diese Lösung spekuliert worden. Er tut es nicht, weil es trotz aller Kontrolle im Inneren Libyens brodelt. Ab und zu bricht der Frust der Bevölkerung aus. Im Herbst 1999 ziehen Jugendliche durch die Straßen von Tripolis. Sie machen Jagd auf Schwarzafrikaner. Sie treffen Gadhafi an einer empfindlichen Stelle, hatte er sich doch gerade die afrikanische Brüderlichkeit auf die Fahnen geschrieben.

Einige Monate später, der Zorn der Jugendlichen ist kaum unter Kontrolle gebracht, wird der Aids-Skandal im Krankenhaus von Benghasi aufgedeckt. Die Bulgarinnen und der Palästinenser werden als Schuldige präsentiert. Die Wogen der Emotion schlagen hoch, diesmal jedoch in für das Regime ungefährlicheren Bahnen.