Die fünfziger Jahre in Deutschland: das waren Wiederaufbau und Westintegration, Wirtschaftsaufschwung und innere Konsolidierung, Adenauer und Erhard, der berühmte Nierentisch und natürlich das "Wunder von Bern". Aber auch: die Geschichte eines kleinen Landes am Rande der Republik, das erst im Jahre 1957 zum kleinsten deutschen Flächenland wurde - nach einem turbulenten Abstimmungswahlkampf um das Saarstatut .

Fast ein Jahrzehnt lang hatte das Saarland nach dem Krieg einen teilautonomen Status - mit eigener Verfassung, einer blau-weiß-roten Flagge und einer 36-köpfigen Olympiamannschaft.

Nach Kriegsende beabsichtigte Frankreich zunächst, das gesamte linksrheinische Territorium von Deutschland abzuspalten. Dieses Vorhaben scheiterte allerdings am Widerstand der Alliierten. Frankreich schloss daraufhin am 22. Dezember 1946 die Grenzen des französisch besetzten Saarlandes zum übrigen Deutschland.

Die Alliierten akzeptierten dieses einseitige Vorgehen zähneknirschend - und wurden bald darauf mit einer weiteren politischen Offensive Frankreichs konfrontiert: Im Folgejahr bildete Paris eine Wirtschafts- und Währungsunion des Saarlands mit Frankreich. Die Amerikaner und Briten nahmen auch das hin, wohl nicht zuletzt, um die französische Zustimmung zur deutschen Weststaatsentwicklung zu erhalten, wie der Historiker Adolf Birke schrieb.

Als französisches Protektorat erhielt das Saarland schließlich 1947 eine eigene Verfassung, die seinen Bürgern eine eigene Staatsbürgerschaft und den offiziellen Namen "Sarrois" bescherte. Neben der offiziellen Währung, dem Französischen Franc, wurden auch so genannte Saar-Franken eingeführt. Mit ihnen konnte man aber nur im Saarland bezahlen.

An der Saar ging es den Menschen in den folgenden Jahren bedeutend besser als denen im zerstörten Deutschland hinter der Grenze. Denn Frankreichs Wirtschaft prosperierte. Das "deutsche Wirtschaftswunder" hingegen ließ noch auf sich warten. Die Saarländer profitierten so von dem Status quo, der ihnen den Spottnamen "Speckfranzosen" einbrachte. Die wirtschaftliche Anbindung an Frankreich zahlte sich für sie durchweg aus.

Auch sportpolitisch tat sich einiges in dem kleinen Land: Als olympische Nation konnte das Saarland 1952 an den Olympischen Spielen in Helsinki teilnehmen. Mit eigener Flagge (blau, rot mit weißen Kreuz), Hymne und Wappen signalisierten die Saarländer ihre neu gewonnene Identität.

Anfang der fünfziger Jahre wurde die Saarfrage jedoch immer stärker zur Belastung für die deutsch-französischen Beziehungen und dem stockenden europäischen Einigungsprozess. Die französische Regierung wollte nicht auf das saarländische Industrierevier verzichten, sie dachte eher daran, das Saargebiet zu annektieren. Die deutsche Regierung wiederum scheute eine abschließende Entscheidung. Denn auf das Saarland zu verzichten, hieße einen Teil Deutschlands definitiv zu verlieren. Wollte man das?

Der französische Außenminister Robert Schuman wies mit der Idee des Saarstatuts einen Ausweg aus der Krise: Das Saarland sollte zu einem außerstaatlichen Territorium und Standort verschiedener europäischer Institutionen werden. Bis zum Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland sollte es in außen- und sicherheitspolitischen Fragen einem Kommissar der Westeuropäischen Union (WEU) unterstellt werden. Für die inneren Angelegenheiten sollte weiterhin die saarländische Regierung verantwortlich sein. Ökonomisch wollte man das Saarland zwar weiterhin an Frankreich binden, ihm aber in politischer Hinsicht größtmögliche Souveränität einräumen. Zudem war eine engere Kopplung mit der deutschen Wirtschaft angedacht.

Ein zentraler Punkt war auch die Ansiedlung europäischer Institutionen: Das Statut sah nämlich vor, dass die Regierungen Frankreichs und Deutschlands den anderen Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), aus der später die EG und die EU hervorgingen, nahe legen, den Sitz der Gemeinschaft in die saarländische Landeshauptstadt Saarbrücken zu legen.

Geboren wurde die Idee des Saarstatuts 1952. Bis zur Umsetzung vergingen jedoch Jahre: Der französische Ministerpräsident Pierre France-Mendès und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer unterschrieben das Saarstatut erst nach zähen Verhandlungen am 23. Oktober 1954 als Teil der Pariser Verträge.

Innenpolitisch machte sich Adenauer damit keine Freunde: Nicht nur die SPD-Opposition wetterte gegen das Saarstatut, auch die mitregierende FDP war nicht besonders angetan von der Idee eines relativ unabhängigen und für Deutschland "verlorenen" Saarlandes. Auch im CDU-Vorstand und im Kabinett gab es Widerstand: Jakob Kaiser, Minister für gesamtdeutsche Fragen, unterstützte mit Geldern aus seinem Haushalts die Opposition im Saarland, darunter auch die CDU-Saar.

Und das war nicht ohne Bedeutung. Denn Frankreich und Deutschland hatten sich bei der Unterzeichnung des Saarstatuts darauf verständigt, am 23. Oktober 1955, genau ein Jahr nach der Vertragsunterschrift, eine Volksabstimmung darüber abzuhalten.

Frankreich schien keinen Zweifel daran zu haben, dass sich die Saarländer für das Statut aussprechen werden. Die deutsche Seite war da schon skeptischer, wie man an den politischen Debatten ablesen konnte. Zu Beginn des Jahres 1955 sah es so aus, als würden die Franzosen recht behalten: Im Frühjahr gaben noch 21 Prozent an, für das Statut stimmen zu wollen, 20 Prozent waren dagegen, 59 Prozent hatten sich bis dato noch nicht entschieden.

Doch sollte sich die Stimmung im Saargebiet innerhalb kurzer Zeit – aufgrund wirtschaftlicher und politischer Umbrüche - fundamental wandeln: Die Kriege in den Kolonien kosteten Frankreich viel Geld und ließen die Wirtschaft erlahmen. Gleichzeitig änderte sich das ökonomische Klima in Westdeutschland: Das deutsche Wirtschaftswunder war geboren. Im Saarland bewegte sich innenpolitisch einiges: Mit der Aufhebung des Verbots deutsch-orientierter Parteien entstand eine öffentlich wirksame Opposition, die zuvor nur im Untergrund arbeiten konnte. Zudem wurde die Zensur aufgehoben. Verbotene Zeitungen durften wieder erscheinen, das Meinungsbild wurde deutlich bunter.

Im Spätsommer gaben in einer Umfrage nur noch 14 Prozent an, für das Statut votieren zu wollen. 52 Prozent wollten bereits dagegen stimmen. Aber die heiße Phase – der eigentliche Abstimmungswahlkampf – stand erst noch bevor.

In den letzten drei Monaten vor dem Referendum war die Stimmung emotional hoch aufgeladen. Immer wieder kam es bei Wahlkampfveranstaltungen zu gewalttätigen Ausschreitungen. Von ihren politischen Gegnern arg beschimpft wurden auch Saar-Premier Johannes Hoffmann und Bundeskanzler Adenauer. Mit Plakaten wie "der Dicke muss weg!" oder "Kain, wo ist dein Bruder Abel? – Adenauer, wo ist die Saar?" wurde eine Atmosphäre erzeugt, die das kleine Land an der Saar vor eine wahre Zerreißprobe stellte. Die Frage war nicht mehr: Für oder gegen das Saarstatut? Sondern zugespitzt: Für oder gegen Deutschland? Für oder gegen Frankreich?

Der Tag der Entscheidung kam. Und brachte Klarheit: Mit einer Wahlbeteiligung von 96,6 Prozent und einer eindeutigen Mehrheit von 67,7 Prozent der Stimmen, lehnten die Saarländer das Saarstatut ab. Damit wandte sich das Saarland von Frankreich ab steuerte nach Deutschland - in Richtung Wirtschaftswunderland.

Mit einem solch eindeutigen Votum hatten die Regierung in Paris und Bonn nicht gerechnet. Der deutsch-französische Vertrag sah dementsprechend keine Regelungen vor, wie mit diesem Ergebnis umgegangen werden sollte. "Frankreich respektierte schließlich den in einem demokratischen Verfahren sichtbar gewordenen Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Saarbevölkerung", fasste Adolf Birke zusammen. Im Luxemburger Vertrag vom 27. Oktober 1956 stimmte Paris endgültig der politischen Rückgliederung des Saarlandes unter deutscher Hoheit zum 1. Januar 1957 zu.

Doch auch nach 50 Jahren bundesdeutscher Existenz ist die eigene Geschichte an der Saar nicht vergessen: Hin und wieder hört man vor allem ältere Saarländer, die vom "Reich" sprechen, wenn sie ins benachbarte Rheinland-Pfalz oder in ein anderes Bundesland fahren. Ein Zeichen, wie lange Grenzen in den Köpfen fortbestehen - selbst wenn sie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr existieren.

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Mit derben Parolen bliesen die deutschtreuen Saarländer zum Kampf – und siegten am 23. Oktober 1955 auf ganzer Linie: Das Saarland wandte sich von Frankreich ab und kehrte heim in die junge Bundesrepublik "