Der Militärschlag war von langer Hand vorbereitet, und er lief so präsize ab wie aus dem Lehrbuch für Blitzkriege. Am Heiligen Abend marschierten die verbündeten Streitkräfte aus Äthiopien offiziell in Somalia ein. Am zweiten Weihnachtstag eroberten sie zusammen mit Truppen der somalischen Übergangsregierung die Hauptstadt Mogadischu. Dann rollten die von der Luftwaffe unterstützten Einheiten weiter Richtung Südwesten, um in der Sylvesternacht die islamistischen Milizen in ihrem letzten Zufluchtsort Kismayo einzukesseln. Doch die vermieden eine Entscheidungsschlacht und flohen in die bergige Region an der Grenze zu Kenia. Das Lage änderte sich von Tag zu Tag so schnell, dass selbst Landeskenner mit ihren Analysen und Prognosen nicht mehr hinterherkamen. Nun fragen sich alle: Wie geht es weiter?

Das Ende dieses kurzen Feldzuges könnte der Beginn eines langen Krieges sein, der das gesamte Horn von Afrika erfasst, die gegenwärtige Konstellation enthält jedenfalls alle Zutaten dafür. Auf der einen Seite steht die Übergangsregierung, ein Trupp von zwielichtigen Gestalten, darunter einige Warlords. Sie wird von den Vereinten Nationen und von der African Union (AU) anerkannt, ist aber so schwach, dass sie ohne den klammheimlichen Beistand der Äthiopier vermutlich keinen Tag überlebt hätte. Die Schutzmacht wird ihrerseits massiv von den Vereinigten Staaten alimentiert, die verhindern wollen, dass in Somalia eine neue Hochburg für Islamisten entsteht. Auch der Nachbar Kenia ist der Übergangsregierung wohlgesonnen – er half, sie aufzubauen, um die Region zu stabilisieren.

Auf der anderen Seite steht die Union der Islamischen Gerichte (UIC), deren Milizen im Verlauf des Jahres 2006 weite Teile von Südsomalia erobert hatten. Sie erhalten Bruderhilfe aus Saudi Arabien und einigen anderen Golfstaaten. Auch unberechenbare Freunde wie Syrien, Libyen und der Iran sollen nach UN-Erkenntnissen die UIC unterstützen. Eritrea schickt Waffen und erfahrene Kämpfer, das Regime in Asmara betrachtet Äthiopien, mit dem es sich erst zur Jahrtausendwende einen Krieg geliefert hatte, als Erzfeind. Schließlich sollen auch noch Dschihadisten von Al-Kaida mit von der Partie sein, das behaupten jedenfalls die US-Geheimdienste.

Invasion? Der äthiopische Ministerpräsident Meles Zenawi redet von "Selbstverteidigung". Das Regime in Addis Abeba will seine Vormachtstellung in der Region sichern und einen aggressiven islamistischen Nachbarstaat verhindern; der fundamentalistische Funke soll nicht überspringen, denn in Äthiopien leben Christen (50 Prozent) und Muslime (40 Prozent) bislang recht friedlich nebeneinander her. Die Gotteskrieger der UIC wollen das alte Großsomalia wiederherstellen; dazu gehört die Rückeroberung der überwiegend von Somali besiedelten Halbwüste des Ogaden.

Für die Hardliner hinter den Fronten und manchen Geostrategen aber geht es nicht nur um einen regionalen Konflikt am Horn von Afrika, sondern um einen weiteren Stellvertreterkrieg im "Kampf der Kulturen": Hier der "christliche" Westen, der mit seiner Vorhut aus Äthiopien eine Talibanisierung Somalias verhindern will. Dort die Kämpfer unter dem grünen Banner des Propheten, deren angestrebte Theokratie ein Refugium für global operierende Terroristen werden könnte. "Ob Meles in Somalia gelingt, was seine Mentoren (den Amerikanern, d.Red.) im Irak nicht geschafft haben?" fragt die panarabische Zeitung Al-Quds Al-Arabi mit spöttischem Unterton.