Herr Geyersbach, Sie haben ein Wörterbuch herausgegeben, in dem Sie Fußballbegriffe analysieren und kommentieren. Wie lange haben Sie all die Belegstellen gesammelt, die in "Fußballdeutsch" vertreten sind?
Insgesamt mögen es zwei Jahre gewesen sein. Aufwendig war es, die Klassiker der Fußballliteratur und der Fußballbiografik auszuwerten. Denn nebenbei hatte sich das Bedürfnis entwickelt, die Geschichten der Wörter zu erzählen, wann sie das erste Mal aufgetaucht sind, wie sie sich entwickelt haben. Ich habe mir viele Begriffe irgendwann angeschaut wie seltene Schmetterlingsarten. Häufig heiße Luft: Die Kommentare von Sportreportern© ZEIT online Grafik BILD

Kann man das Fußballdeutsch in seinen Wucherungen kategorisieren und einordnen.
Ja, und bestimmt auch noch konsequenter, als ich das getan habe. Man kann Wörter zum Beispiel bestimmten Jahrzehnten oder Ereignissen zuordnen.

Zum Beispiel?
Wenn die Rede vom "Hauptspielgerät" ist oder eine Wundermetaphorik auftaucht, weiß jeder, dass wir uns in den 20ern oder in den 50ern bewegen. Wörter wie "Hitzeschlacht", "Wiedergutmachung" oder "Hexenkessel" lassen sich ganz klar bestimmten Weltmeisterschaften zuordnen. Dann gibt es bestimmte Wortfelder, die immer wieder in die Fußballsprache hineindröhnen. Am bekanntesten ist das Kriegsvokabular, es finden sich aber beispielsweise auch Quellen aus der Landwirtschaft oder der Bergmannssprache. Man kann die Jahrzehnte anhand von Fachsprachen freilegen, die ihren Widerhall im Fußball fanden. Denken wir an die Sprache der Psychologie, die in den 70ern aufkam. Im Moment spielen sich Wörter aus der Werbewirtschaft ziemlich in den Vordergrund. Wo es ganz schwierig wird ist das Abgleiten der Fußballsprache in die alltägliche oder gar in die Politikersprache. Es ist - so kurz vor Weihnachten - höchste Zeit, übers Essen zu reden: Das neue RUND-Magazin © RUND BILD

Das ist in der Tat sehr auffällig, dass gerne Fußballmetaphorik gebraucht wird, um Volksnähe zu beweisen.
Mich ekelt das inzwischen fast an. Ich ahne da immer die Anbiederung an den Wähler.

Vor 25, 30 Jahren war die Berichterstattung über Fußball noch eine andere. Irgendwann entdeckte dann das Feuilleton den Fußball, und es entwickelten sich neue Sprachformen. Stimmt dieser Eindruck?
Das war nicht nur das Feuilleton. Fußball ist ein größerer Markt geworden. Es zerren immer mehr Menschen an ihm herum. Es ist einfach lukrativ geworden, sich daran sein Scheibchen abzuschneiden. Die Grundphänomene, die Fußballdeutschland ausmachen, waren früher auch schon alle vorhanden. Die starke Kritik an den Kommentatoren gab es damals schon, nur frage mich rückblickend, wenn man heute Beckmann erträgt, ob nicht Faßbender damals ein Segen war.

Verklären Sie da nicht einiges?
Das ist schon möglich. Vielleicht empfindet man Fritz Klein heute als alten Langweiler. Aber Fußball ist heute stärker medialisiert. Es gibt von Rudi Michel eine wunderbare Bemerkung, dass das Kommentieren und Rapportieren des Fußballs in der Fernsehreportage bis heute ein ungelöstes Problem sei. Niemand weiß, wie man die bewegten Bilder mit Sprache begleiten soll. Es wird einfach nur gemacht. Genauso ist es mit der schriftlichen Berichterstattung von Spielen, über Spiele. Niemand weiß, wie man ein Fußballspiel eigentlich nacherzählen kann, aber wenn man es montags liest, hat man manchmal das Gefühl, es sei gut gelungen oder eine Katastrophe.

Ist es denn nicht wohlfeil, sich über einen Fernsehmoderator lustig zu machen, nur weil er sich in Sekundenbruchteilen etwas ausdenken muss und dabei nicht immer die richtigen Worte findet?
Das stimmt. Das ist billige Kritik, auch wenn ich sie mir in "Fußballdeutsch" ein paar Mal nicht verkneifen konnte. Aber man darf sie doch an ihrer Berufskaste messen. Natürlich stecken sie alle in der Live-Situation, die Frage ist aber, wie sehr sie ihren Gedanken freien Lauf lassen. Bei einigen habe ich doch den Eindruck, dass es ein wenig unkontrolliert vor sich hinsprudelt und der Versuch der Neuschöpfung häufig scheitert. Man sollte nicht alles mitnehmen, nur um einen billigen Witz zu reißen. Radiokommentatoren haben meist ein besseres Gehör für die Sprache. Überhaupt glaube ich, dass die Angestellten der Rundfunkanstalten sich früher eher als dienende Personen gesehen haben, während die Kommentatoren sich heute wie Popstars verhalten, wie Einzelkünstler ihre Fachs.

Reporter sind aber nur ein kleiner Teil der Quellen, die Sie ausgewertet haben. Wie sieht es denn mit uns Schreibern aus?
Die hätten ja eigentlich etwas mehr Zeit zu formulieren. Aber die übernehmen plötzlich die Begriffe aus der Werbe- und Kommunikationssprache. Stattdessen fehlen die Jargonbegriffe, die Fans eigentlich verwenden würden. Was macht man denn mit einem Begriff wie "One-Touch-Fußball", der plötzlich irgendwo aufgetaucht ist? Ist das das gute alte Direktspiel oder das Kurzpassspiel? Solche Worte haben anfangs einen gewissen Neuigkeitswert und können sich erst einmal wichtig machen. Aber sie müssen über Jahre beweisen, dass sie notwendig sind.

Haben Sie überprüft, wie sich Begriffe entwickeln?
Es bilden sich Wortketten. Der Auswechselspieler wurde zum Einwechselspieler zum Ergänzungsspieler. Da kann man Gedankenoperationen, die dahinterstecken, gut freilegen. Sehr schön war auch die Entdeckung des "Entmüdungsbeckens" in der ersten biografischen Erinnerung Franz Beckenbauers. Das hat er Ende der 60er in Südamerika erstmals gesehen, und damit war auch ein neuer Begriff für eine sanitäre Einrichtung in der Welt. Auch wenn er es zunächst als "Entmüdungsbad" bezeichnete.

Haben Sie Lieblingswörter?
Ich mag das Wort "handbandagiert" vom Klang her sehr gerne, während ich bis heute nicht meinen Frieden mit "schusszonenoptimiert" machen kann. "Lichterloh" ist ein schönes, klassisches Wort. Neulich schenkte mir ein Zuhörer bei einer Lesung in Leipzig das sächsische Wort "fetten", was soviel heißt wie abziehen oder draufhauen. Das fand ich sehr schön.

Ulf Geyersbach: Fußballdeutsch. Ein Wörterbuch. Ullstein, 227 Seiten, 14,95 Euro

Das Interview erscheint in der aktuellen Ausgabe des Fußballmagazins RUND »