Die Grünen suchen ihr Profil. Kaum eine Woche vergeht derzeit, in der nicht neue Thesenpapiere lanciert werden oder machtpolitische Spekulationen Schlagzeilen machen. Die Flügel schlagen wie in den besten grünen Tagen, neue Strömungen entstehen mit neuen oder aufgewärmten Positionen: Nullemission, grüne Marktwirtschaft, Rückkehr zu den Wurzeln; Werte- und/oder Familienpartei; radikal oder pragmatisch; schwarz-grün, Jamaika oder Ampel? Viel Wind, aber keine Strategie.

Auch die traditionelle Klausurtagung der grünen Bundestagsfraktion zu Jahresbeginn in Wörlitz brachte wenig Klarheit. Zwar finden die beiden Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Fritz Kuhn anschließend, die Partei sei gut aufgestellt. Da ist allerdings wenig Wahres dran.

Mit drei Kernproblemen schlägt sich die Ökopartei herum. Ihr fehlen, zum ersten, konkrete und von den Anhängern identifizierbare politische Reformprojekte, wie einst die Ökosteuer, der Atomausstieg oder die Homoehe. All dies waren Projekte, die nicht nur in den eigenen Reihen populär, sondern auch gesellschaftlich mehrheitsfähig waren. Heute versuchen die Grünen eher verzweifelt, Anschluss an den gesellschaftlichen Diskurs zu finden.

Zweitens haben die Grünen im Fünfparteiensystem auf Bundesebene derzeit keine realistische machtpolitische Perspektive: Das rot-grüne Projekt ist tot, eine Renaissance nicht in Sicht. Ein rot-gelb-grüne Ampel ist bisher nur ein Wunschmodell einiger führender Sozialdemokraten und für die meisten Grünen eher abschreckend. Und für ein schwarz-gelb-grünes Jamaika-Bündnis, Lieblingsgedankenspielzeug im Berliner politischen Salon, fehlt erst recht eine reale Basis.

Drittens ist die Führungsfrage in der Partei seit dem Abgang von Joschka Fischer ungeklärt. Gleich fünf profilierte Spitzengrüne ringen um die Macht und die Meinungsführerschaft in der Partei: die beiden Vorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer, die beiden Fraktionschefs Künast und Kuhn sowie der Ex-Umweltminister Jürgen Trittin im Hinterraum. Die fünf belauern sich, warten auf Fehler der Konkurrenten, keiner hat den Mut vorzupreschen, für junge, unverbrauchte neue Gesichter ist da erst recht kein Raum.

Dabei sind die politischen Perspektiven der Grünen eigentlich gar nicht schlecht. Die Partei liegt in den Umfragen stabil um die zehn Prozent. Ihre Kernthemen wie Ökologie, Klimawandel oder Energiekrise bleiben gesellschaftliche Megathemen der kommenden Jahrzehnte; die hohe grüne Kompetenz ist hier unbestritten. Zudem tut sich die Große Koalition derzeit vor allem dort schwer, wo Grüne in den Jahren zuvor das Profil der rot-grünen Bundesregierung geprägt haben: bei der Einwanderung, beim Verbraucherschutz und bei der Entwicklung alternativer Energien.