Auf der Zielgerade ging es dann plötzlich ganz rasch. Kurz nach Mittag verkündeten am Montag der neue und der alte Kanzler voll Zufriedenheit ihre Einigung. Lediglich knapp drei Stunden hatten zuvor die beiden Verhandlungskomitees der Sozialdemokraten (SPÖ) und der konservativen Volkspartei (ÖVP) benötigt, um in der letzten, alles entscheidenden Sitzung ihren 177 Seiten starken Koalitionsvertrag letzten Schliff zu geben. Verdächtig wenig Zeit für erstaunlich viele schöne Worte, die vor allem eines vermissen lassen: Substanz, mutige Projekte, konkrete Zielvorgaben für gewichtige Reformen, welche der Elefantenhochzeit der beiden großen österreichischen Parteien Statur geben könnte.

Vielmehr sind die blumigen Formulierungen vor allem darauf bedacht, die gegenseitigen Wehleidigkeiten mit zahlreichen Trostpflastern zu versehen. Eine große Koalition aus dem Erste-Hilfe-Kasten. Der scheidende Kanzler Wolfgang Schüssel fand dafür eine Definition von orientalischer Poesie: "Die Kunst des Zusammenfügens von Verändern und Bewahren."

Tatsächlich hat sich letztlich keine der Parteien mit ihren Anliegen durchgesetzt. Die Konservativen mussten zustimmen, dass soziale Transferleistungen ein wenig ausgeweitete werden – was sie zuvor stets als "sozialistische Verschwendungssucht" verteufelt hatten. Die Sozialdemokraten anderseits mussten bei zwei zentralen Wahlversprechen, der Abschaffung der eben erst eingeführten Studiengebühren und dem Verzicht auf die 18 Eurofighter zur Luftraumüberwachung, welche die Vorgängerregierung bestellt hatte, kräftige Abstriche hinnehmen: Beim Beschaffungsvertrag für die Jets soll lediglich, wenn irgend möglich, ein Preisnachlass herausverhandelt werden, und die Studiengebühren können künftig auch in einer Art Sozialdienst (60 Stunden pro Semester) abgearbeitet werden.

Der künftige Kanzler Alfred Gusenbauer feierte dies als Triumph, der jedem freie Wahlmöglichkeit erlaube und zugleich den sozialen Zusammenhalt befördern werde. In Wien nahmen die Studenten der Universität den neuen Regierungschef gleich beim Wort und begannen, kaum war der Plan publik, vor ihrer Alma Mater die Straße zu kehren.

Zwar haben in Österreich mühsam gebastelte Kompromisslösungen Tradition und setzten somit das bewährte Modell fort, dem folgend eine große Koalition eher verwaltet denn gestaltet; doch die Vorgeschichte dieser Regierungsbildung lässt die zutiefst österreichischen Konsenskoalition plötzlich wie einen Pakt der Umfaller aussehen: faul, kleinkrämerisch und verzagt. Nach sechs bitteren Oppositionsjahren hatten die skandalgeschüttelten Sozialdemokraten bei den Wahlen vom 1. Oktober des vergangenen Jahres derart überraschend die Nase vorne, dass sie insgeheim den knappen Vorsprung in einen unüberhörbaren Wählerauftrag zur Neugestaltung von Staat und Gesellschaft umdeuteten.

Gleichzeitig schien die Volkspartei durch den Schock der Niederlage (minus acht Prozent) paralysiert und zog sich trotzig in einen Verweigerungswinkel zurück. 99 Tage schleppten sich die Verhandlungen, stets am Rande des Abbruchs. Berharrungsgesten wechselten mit bösartigen Attacken, der Wahlkampf wurde am Verhandlungstisch in alter Heftigkeit weitergeführt. Verhältnismäßig einfach zu lösende Sachprobleme wurden zu Fahnenfragen aufgebauscht, die nach fundamentalistischer Grundsatztreue verlangten. Schützengrabenrhetorik gab den Ton an. Da aber die zerstrittenen Kleinparteien keine andere Koalitionsvariante zuließen, gewannen selbst wahlmüde Bürger immer stärker den Eindruck, ein neuer Urnengang in naher Zukunft sei der logische und vor allem ehrlichste Ausweg aus dem Dilemma.