Die römisch-katholische Kirche hat sich im Spionage-Skandal um den polnischen Erzbischof Stanislaw Wielgus um Schadensbegrenzung bemüht. Ein hochrangiger Kardinal beteuerte in einem am Montag veröffentlichten Interview, Papst Benedikt XVI. habe nichts von dem Verdacht einer Spitzeltätigkeit des Würdenträgers gewusst. Bislang hatte der Vatikan erklärt, das Kirchenoberhaupt habe Wielgus "in voller Kenntnis seines Hintergrunds" für das höchste Amt in Polen ausgewählt.

"Als Monsignore Wielgus nominiert wurde, wussten wir überhaupt nichts über seine Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten", sagte Kardinal Giovanni Battista Re, Präfekt der Kongregation für die Bischöfe und damit Chef der Abteilung, die über die Ernennungen mitentscheidet, der italienischen Zeitung Corriere della Sera. Wielgus steht im Verdacht, Amtsbrüder 20 Jahre lang für die kommunistischen Geheimdienste bespitzelt zu haben. Die polnischen Katholiken blicken voller Stolz auf ihren Widerstand gegen die damaligen Machthaber zurück.

Die Zeitung La Repubblica berichtete ohne Nennung von Quellen, der Papst habe erst am Samstagabend ein 80-seitiges Fax mit den Vorwürfen gegen Wielgus erhalten. Der Bericht stammte demnach von der polnischen Regierung und wurde in Benedikts Muttersprache Deutsch übersetzt.

Wielgus hatte am Sonntag, unmittelbar vor seiner feierlichen Amtseinführung, nach Aufforderung des Papstes seinen Verzicht auf die Erzbischofswürde erklärt. Benedikt XVI. hat sich noch nicht zu den Ereignissen geäußert. Der Vorfall hat die politisch einflussreiche Kirche Polens in ihre tiefste Krise seit dem Fall der Mauer vor 17 Jahren gestürzt.

Polen zeigte sich gegenüber der Entscheidung des Kirchenoberhauptes dankbar. "Rettung aus Rom" und "Der Papst hat die Kirche vor Schande bewahrt", lauteten am Tag danach die Schlagzeilen führender Tageszeitungen wie der Rzeczpospolita und der Dziennik . Der prominente Bischof Tadeusz Goclowski sagte, die Zeit sei reif für die Kirche, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. "Ich bin überzeugt, dass der Fall des Bischofs Wielgus einen reinigenden Effekt hat und vielleicht sogar bestimmte Veränderungen beschleunigt", fügte er hinzu.

Polen hat mit der Erforschung des Spitzel-Netzes während der kommunistischen Jahre erst begonnen. Bislang war die Kirche über jeden Verdacht erhaben, auch wenn immer wieder Einzelfälle einer angeblichen Kollaboration diskutiert worden waren.