Als sich Tim Meyer, Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft, den Film Deutschland. Ein Sommermärchen anschaute, konnte er sich gut vorstellen, was Fußballdeutschland über die Essgewohnheiten der Fußballer mutmaßte. Als nämlich die Kamera nicht nur den schlafmützigen Lukas Podolski, sondern auch die leere Chipstüte auf seinem Bett vor die Linse bekam. "Na ja, da habe ich gedacht, jetzt glauben alle, dass das die Ernährung der deutschen Nationalmannschaft ist", gesteht Meyer und muss lachen.

Aber wie gut ernähren sich die Profis wirklich? Tim Meyer glaubt, dass "wir uns im deutschen Fußball auf einem sehr hohem Niveau bewegen, was diesen Komplex anbelangt". Der internistische Mannschaftsarzt kann das sagen, "weil ich den internationalen Vergleich habe". Dass Poldi im Hotelzimmer Chips futterte, ist demnach eine kleinere Ernährungssünde, die Jürgen Klinsmann und Joachim Löw in Kauf genommen haben. Es ist bekannt, wie akribisch der Trainerstab die jeweiligen Fitnesswerte der Spieler begutachtete – in puncto Ernährung gaben sie den Profis allerdings bewusst das Gefühl, nicht ständig überwacht zu werden. Für Meyer ist die Privatsphäre der Nationalspieler tabu: "Dort hört unser Verantwortungsbereich auf. Wir wollen sie informieren und nicht kontrollieren." Gerade von den Auswahlspielern werde dieser Respekt vor ihrer Privatsphäre sehr geschätzt. In dem Punkt seien sie verständlicherweise sehr sensibel, denn "eine Verletzung dieses Bereichs wird bei ihnen schon im Alltag zu häufig versucht". Wenn man sich zu sehr einmische, könnten die Spieler das mit Recht als Verletzung des Vertrauensverhältnisses empfinden.

Eine der strategisch wichtigsten Positionen im Umfeld der Nationalelf ist der Mannschaftskoch. Als eine seiner ersten Amtshandlungen berief Klinsmann deshalb Saverio Pugliese an den Herd des DFB, der mit seiner italienischen Küche die Spieler ebenso gut erreicht, wie es in den Siebzigern Hans-Georg Damker mit Hausmannskost aus deutschen Landen geschafft hat. Der wurde von Sepp Maier zum Dank dafür, dass er ihm sein geliebtes fettiges Eisbein serviert hatte, nach dem WM-Triumph 1974 mit auf die Ehrenrunde genommen. Heute sorgt Pugliese im DFB-Tross für die Wohlfühlatmosphäre. "Ich bin sehr beliebt bei den Spielern. Das ist normal", so der 50-Jährige. Nationalspieler Arne Friedrich bestätigt das: "Er ist ein absoluter Teil von uns und verwöhnt uns mit dem besten Essen." Dienstreisen zur Nationalelf sind bei den Profis auch deshalb gefragt, weil dort abwechslungsreiche Kost geboten wird. Die Gästeliste von Puglieses Restaurant "Alter Haferkasten" reicht immerhin von Rudi Völler bis zu den Rolling Stones – außer den Beatles seien schon alle großen Stars da gewesen, heißt es bei dem Nobelitaliener in Neu-Isenburg.

Den Rahmenplan für die Speisenfolge gibt Mannschaftsarzt Meyer vor, Pugliese setzt ihn um. Obwohl einige Medien vor der WM den Widerspruch zwischen dem sportlichen Internisten und dem freundlichen Genussmenschen am Herd thematisierten, muss der "Doc" fast nie regulierend eingreifen. Lediglich einmal während der WM-Planung hat er Pugliese im Speiseplan gebeten, auf eine zweite warme Mahlzeit zu verzichten. Extrawürste werden bei Pugliese nicht gebraten: "Es ist wie daheim, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. An dem saßen die Nationalspieler in größeren Gruppen bei der WM auch nach den Mahlzeiten noch lange zusammen und arbeiteten am nötigen Teambuilding.

So psychologisch wichtig die gemeinsamen Mahlzeiten bei der Nationalelf sind – dass der Ernährung im Fußball darüber hinaus auch im physischen Bereich eine immer größere Bedeutung zukommt, darüber sind sich die Experten einig. Welche Leistungssteigerung sich bei einer genaueren Überwachung der Ernährungsgewohnheiten mit einer individuellen Diät für jeden Spieler erzielen lässt, beschäftigt zwar die Fachwelt, in der Bundesliga wird darüber derzeit noch nicht nachgedacht. Obwohl die Profiklubs für das Thema viel stärker sensibilisiert sind als noch vor einigen Jahren, leistet sich derzeit lediglich der FC Schalke 04 einen fest angestellten Ernährungsberater. Die meisten anderen Klubs machen es wie der SV Werder Bremen, wo sie mit einem externen Fachmann für Ernährungsfragen zusammenarbeiten. Erst wenn sich bei einem Spieler anhand der Laboruntersuchungen Werte ergeben, die Anlass zur Sorge liefern, "sprechen wir einmal darüber und schicken ihn dann bei Bedarf auch mal zum Ernährungsberater", so Werders Trainer Thomas Schaaf.

Ivonne Schilling ist Ernährungswissenschaftlerin, sie glaubt, dass die Profiklubs derzeit auf diese Weise viel Potenzial verschenken. Sie begleitete die Spieler des FC St. Pauli im Rahmen ihrer Diplomarbeit und berät seitdem den Kader des Regionalligisten. "Mit der richtigen Ernährung lässt sich im Fußball viel bewegen", lautet ihr Fazit. Insbesondere dann, "wenn zum Ende des Spiels die Sprint- und Ausdauerleistungen nachlassen und die meisten Tore fallen. Ich denke, dass da eine Leistungssteigerung von zehn bis 15 Prozent möglich ist", so Schilling. Hans Braun, Sport- und Ernährungswissenschaftler vom Olympiastützpunkt in Köln, ist da vorsichtiger. Er würde sich hüten, den Anteil der Ernährung am Erfolg der Kicker in Prozentzahlen auszudrücken. "Aber wenn man das letzte Prozent bringen will, ist es absolut sinnvoll, darauf zu achten, was man zu sich nimmt", sagt er. "International ist im physiologischen Bereich alles sehr eng zusammengerückt." Deutsche Profis seien, was die Physis anbelangt, längst nicht mehr das Nonplusultra.

"Man muss dem Spieler klarmachen, dass er auch in puncto Essen versuchen soll, mehr zu machen als der Durchschnitt, um sich von ihm abzuheben" sagt Hans Braun. Er räumt gleichzeitig ein, dass Fußball eine komplexe Sportart und der Erfolg "von vielen Faktoren abhängig" sei. "Der Fußball verzeiht im Vergleich zum Marathon beispielsweise einiges." Aber die richtige Ernährung sei schon eine Voraussetzung dafür, auf dem Rasen schneller und vor allem länger schnell laufen zu können. "Andererseits kann ich einem Fußballer nicht sagen: Iss drei Bananen, und alles wird gut."