Gerade noch als trickreicher Sieger im Koalitionspoker gefeiert - und nur wenige Stunden später von den Schulterklopfern daran gehindert, den Triumph auch auszukosten: Der österreichische Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wollte seinen Abgang vergolden, indem er seinen Lieblingsjünger, den bisherigen Finanzminister Karl-Heinz Grasser, auch als Vizekanzler der neuen Großen Koalition inthronisierte. Doch gegen den weiteren Aufstieg des parteifreien Günstlings meuterten mächtige Granden der Konservativen und versagten erstmals seit vielen Jahren dem schwarzen Leitwolf die Gefolgschaft.

Bis spät nach Mitternacht ritterte der innere Kreis um die Personalie. Altgediente Funktionäre fühlten sich düpiert. Schließlich drohte eine Kampfabstimmung im Parteivorstand, durch welche die ersten Risse in der bis vor kurzem noch homogenen Partei deutlich sichtbar geworden wären. Die Konsequenz: Grasser und sein Mentor Schüssel nahmen bittersüßen Abschied von Amt und Würden.

Seit Wochen bereits brodelten die Gerüchte um die Zukunft der beiden Spitzenpolitiker und über ihre weitere Regierungsbeteiligung wurden kühne Spekulationen angestellt. In jedem Fall hätten viele Sozialdemokraten einen Verbleib sowohl von Schüssel als auch von Grasser als zusätzliche Demütigung empfunden, die das schon zu Beginn gespannte Klima in der Koalition zusätzlich belastet hätte. Zu sehr prägten die beiden die abgewählte Regierung, und durch deren Machtbewusstsein seien für die Sozialdemokraten ohnehin zu viele Konzessionen gemacht worden. Schüssels Nachfolger in allen Ämtern, die zur Debatte standen (Parteichef, Vizekanzler und Finanzminister), der bisherige Klubobmann Wilhelm Molterer, gilt im Vergleich zu dem abgetretenen Duo als vergleichsweise koalitionsverträglich.

Mit Schüssel und Grasser treten zwei Politikern von der politischen Bühne in Österreich, die dem Land in den vergangenen Jahren ihren Stempel aufgedrückt hatten. Schüssel, einst ein verspieltes Leichtgewicht, schaffte das Kunststück seine Partei von einem historischen Tief mit Beharrlichkeit und kaltem Kalkül zu lichten Höhen zu führen, bevor er im vergangenen Jahr eine katastrophale Niederlage einstecken musste. Mit sicherem Instinkt hatte er früh den jugendlichen Finanzminister Grasser, einen ehemaligen Schüler von Jörg Haider, an seine Brust gezogen. Der talentierte Selbstdarsteller brach bald mit seinem alten Förderer und entpuppte sich als neuer Star der Regierung Schüssel. Obgleich in zahlreiche Skandale verstrickt, überwogen seine Fähigkeiten als Societyliebling, die er mit der Heirat in den Swarowsky-Clan krönte. Es war wohl der Glamourfaktor, der viele der biederen und einem konservativen Wertekanon verpflichteten Funktionäre der Volkspartei verschreckte.

Mit dem neuen Mann an der Spitze der ÖVP kann sich die traditionsverbunde Partei eher identifizieren. Wilhelm Molterer, ein 51jährige Bauer aus Oberösterreich, der erst vor wenigen Jahren seinen Hof verpachtete, zählt zu den langgedienten Funktionären der Partei. Stets diente Molterer - Spitzname: Pater Willi - loyal in jedem Posten, der ihm zugedacht wurde. Als Landwirtschaftsminister sammelte er zudem Erfahrungen in der Großen Koalition.

Allerdings scheint sich nun auch ein Machtwechsel in der Volkspartei, ein Sammelbecken unterschiedlicher Interessensgruppierungen, zu vollziehen. In den letzten Jahren hatte der Wirtschaftsflügel mit gemäßigt neoliberalem Gedankengut den Ton angegeben. Initiiert hatte die Rebellion die Arbeitnehmergruppierung, die um ihren stetig schwindenden Einfluss fürchtet. Der neue Chef ist allerdings ebenso wie die Zukunftshoffnung der Partei, der Landwirtschaftsminister Josef Pröll, der auch zum Regierungskoordinator ernannt wurde, Angehöriger des Bauerbundes, der heimlichen Kaderschmiede der Konservativen. Dort werden schon seit längerem Strategien ausgekocht, die sich an dem Stoiber-Motto von Laptop und Lederhose orientieren.

Große Koalition in Österreich - Kommentare zur Regierungsbildung im Weblog "Ö" "