Hamburg-Moorfleet, ein kleiner Stadtteil in den Marschlanden, südlich der Elbe. Ein Getränkemarkt, drei Buslinien. Eine Gaststätte preist auf einem Schild frischen Matjes zu 6,90 Euro an. „Fuck the police and dope is the best“, hat einer mit Edding in das Häuschen an der Bushaltestelle geschrieben.

Von der Hauptstraße zweigt der Moorfleeter Deich ab, eine schmale Landstraße, gesäumt von Einfamilienhäusern mit Gärten, Baumhäusern, Kinderschaukeln und Kartoffeläckern. Es ist ein sonniger Tag, ein paar Rennradfahrer und Traktoren sind unterwegs, im menschenleeren Yachthafen dümpeln die Boote vor sich hin. Von der nahengelegenen Autobahn dröhnt der Verkehr.

Die Hausnummer 341 trägt ein weiß getünchter Bau aus der Gründerzeit. Bis in die 1980er Jahre war das Gebäude ein Ausflugslokal mit einem riesigen Tanzsaal, später ein Puff. Heute stehen in dem ehemaligen Tanzsaal Tischtennisplatten, ein Billardtisch, eine Sofalandschaft und ein selbst gebautes Regal aus Kiefernholz mit vielen kleinen Schubladen. „Suchtregal“ ist mit Lötkolben in das Holz eingebrannt. Dreißig Jugendliche leben in dem Haus, im „Suchtregal“ bewahren sie Tabak, Zigaretten und Streichhölzer auf. Feuerzeuge sind verboten, „wegen schnüffeln“, sagt Pascal, 16.

Das Rauchen ist sozusagen die Sucht, die übrig geblieben ist. Seit 1992 ist auf dem Gelände das „Come In“ beheimatet, eine Drogenklinik für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Die Therapie im „Come In“ ist oft der letzte Rettungsanker nach jahrelangen Drogenkarrieren, nach Prostitution, Missbrauch und Gewalt, der selbst erlittenen und der gegen andere. Sie kommen aus dem ganzen Bundesgebiet, weil es eine der wenigen Einrichtungen für diese Altersgruppe ist.

Auch das Finanzierungskonzept ist ungewöhnlich: Träger ist ein gemeinnütziger Verein, Therapiehilfe e.V., der schon seit Mitte der siebziger Jahre Süchtigen in und um Hamburg Hilfe anbietet. Für die laufende Finanzierung sorgen die Krankenkassen, die Rentenversicherungsträger und die Jugend- sowie Schulbehörde. So erfolgreich diese Institutionen auch kooperieren: Ohne die Zuwendungen von Spendern – seien es einzelne Menschen oder Stiftungen - geht es nicht.

Pascal ist ein blasser, schmaler Junge mit blondem Bürstenhaarschnitt, dem beim Sprechen manchmal die Worte wegbrechen. Er kam aus Hahnöfersand, Hamburgs Jugendgefängnis, nach Moorfleet. Er steht auf der großen Veranda vor dem Garten, dem einzigen Platz auf dem Gelände, wo Rauchen erlaubt ist, und dreht sich eine Zigarette. „Ich hab` mit elf angefangen zu kiffen und mit dreizehn zu koksen. Ich wollte cool sein, das war eigentlich schon alles“, sagt er. In der siebten Klasse ging er zum letzten Mal in die Schule. „Dann kamen die Straftaten“, sagt er, als seien sie ganz ohne sein Zutun einfach geschehen. Er brach in Schulen ein und in Architektenbüros, klaute Laptops und Computer, die er verkaufte, um seine Sucht zu finanzieren. „Es hat sich immer gelohnt“, sagt er, ganz ohne Spott. Es klingt wie eine Feststellung, ein Abwägen von Aufwand und Ertrag.