Die Sängerin betritt das Studio. Sie stellt sich ans Mikrofon, gleich wird sie zu den gespeicherten Instrumentenstimmen ihren Gesang in die Aufnahmegeräte fließen lassen. Vielleicht sind auch ein paar andere Musiker da, deren Einspielungen ebenfalls noch nicht fertig sind, und man probiert zusammen etwas aus. Hinter der Glasscheibe am Mischpult sitzen die Tontechniker. Aller Augen sind auf die Sängerin gerichtet.

Was denkt sie wohl in diesem Augenblick? Ob die Haare richtig sitzen, das Kleid gut aussieht? Ob man ihr die Spannung und Nervosität – oder Langeweile anmerkt? Was passiert in ihrem Kopf, während sie den ersten Refrain anstimmt?

Dem Hörer außerhalb des Studios kommen solche Fragen nicht sofort in den Sinn. Die kleine Szene hat sich Yvonne Cornelius während des Telefoninterviews ausgedacht, die Fragen hat sie sich selbst gestellt, kritisch ihre Rolle reflektierend. Unter dem Künstlernamen Niobe arbeitet die Kölner Elektronikmusikerin viel mit ihrer Stimme, versteht sich aber nicht als Sängerin, die Datengefrickel mit netten Vokalbeilagen ergänzt.

"Frau singt was Schönes, Mann kümmert sich um die Technik", so spottete Jens Balzer vor drei Jahren in der Berliner Zeitung über das Elektronikfestival Club Transmediale . Von wegen! Wenn Niobe beim Singen zu ihren vielfach übereinander lasierten Klangtexturen die Augen schließt, dann will sie der Welt nicht entrinnen, sie will sich nur selbst sehen – ohne Gedanken daran, wie andere sie gerade sehen. Denn sie braucht ihren Kopf frei.

Immer wieder verwirft, verändert, verbessert die Perfektionistin mit den südamerikanischen Wurzeln ihre Musik während der langwierigen Entstehungsprozesse. Die schwebende Leichtigkeit ihrer Klänge ist eine bewusste Sinnestäuschung: Hinter dem Schleier aus elektronisch komplex Verwobenem zeigt sich das Schwermütige einer Bluesharmonie, das Unwägbare einer Free-Jazz-Phrase, das erotische Versprechen eines Bossa-Nova-Wirbels nur noch wahrhaftiger. Wie aus den Tiefen alter Radios und Grammofontrichter nähert sich ihr Gesang, verzerrt, schlingernd. Von Billie Holiday bis Norah Jones hat sie alles und noch mehr auf den geschulten Stimmbändern, zu Texten der Dichterin Janetta Schude macht sie Nektar aus dem Blütenstaub der Geschichte. Und sich selbst mit den Platten Radioersatz , Tse Tse und Voodoolooba zur heimlichen Diva des Electro Soul.

Vergangenen Sommer hat sie das erratische Knistern und Knacksen ihrer Samples, das hawaiianische Glissando ihrer Vokalakrobatik für die vierte Platte in die Alpenwelt verlegt: White Hats , eisige Gipfel! Als Vision dient ein Urlaubstrip in den fünfziger Jahren, Autoreifen quietschen im Song Drei Zinnen auf schneenassem Grund, ihre Stimme übernimmt – huuaaah... – die Abfahrt die kurvige Passtraße hinunter. "Entscheidend ist der Film im Kopf", sagt Yvonne Cornelius, "denn was man beim Musikmachen denkt, kommt auch am Ende heraus."