Am 27. September 2002 wurde der elfjährige Jakob von Metzler entführt und ermordet. Ein Jahr später verhängte das Frankfurter Landgericht gegen den erfolgreich geprüften Rechtskandidaten Magnus Gäfgen eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen dieses Mordes sowie wegen erpresserischen Menschenraubs und falscher Verdächtigung mit Freiheitsberaubung in zwei Fällen. Seither fordert Gäfgen Gerichte und Öffentlichkeit heraus mit unentwegten Versuchen, sein ramponiertes Ansehen aufzubessern. Sein Anwalt Michael Heuchemer unterstützt ihn. Jüngste PR-Strategien sind sein Buch Allein mit Gott - Der Weg zurück und die Ankündigung einer "Stiftung zugunsten jugendlicher Verbrechensopfer". Doch ist dazu das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Was bezweckt der verurteilte Mörder? Das Urteil gegen ihn ist inzwischen rechtskräftig. Revision und Verfassungsbeschwerde sind verworfen. Nach 15 Jahren im Gefängnis wird eine Strafvollstreckungskammer darüber befinden, wie lange er noch aus Gründen der vom Gericht festgestellten besonderen Schuldschwere zu verbüßen haben wird. Das können drei, fünf oder auch zehn Jahre auf der nach oben offenen Richterskala sein. Erst nach diesen Jahren stellt sich ernsthaft die Frage einer Strafrestaussetzung. Sie hängt dann allein von der Prognose ab. Gutachter müssen feststellen, dass kein relevantes Restrisiko für einen Rückfall mehr besteht. Strengste Maßstäbe sind vom Gericht anzulegen. Nicht einmal Sicherungsverwahrung kennt derart rigide Anforderungen einer Entlassung.

Für Gäfgen zeichnet sich schon jetzt die entscheidende Hürde ab: Wird man dereinst überzeugt sein, sein im Tatgeschehen offenbar gewordener fühlloser, rücksichtsloser Charakterzug - Mangel an Empathie - könne ansatzweise ausgeglichen werden? So etwas lässt sich etwa an Indizien für ernsthafte Reue feststellen oder an Beobachtungen sozial verantwortlichen Verhaltens nach langem Verhaltenstraining. Sicher nicht jedoch aufgrund von bloßem vordergründigen Aktionismus des Betroffenen.

Dass sich bei Gäfgen mangelnde Mitleidsfähigkeit mit ausgeprägtem Selbstmitleid paaren, wurde gerichtlich festgestellt. Es zeigte sich im Verhalten während und nach der Tat. Wie fühllos muss jemand sein, der dem ihm vertrauten Kind in die Augen sehen und es töten kann, allein, um dessen Eltern Geld abzupressen und der Freundin zu imponieren? Wie lange hatte es gedauert, bis der Täter seine naiven Lügengebäude und Illusionen verließ, um häppchenweise und nie rundheraus den längst aufgrund der Sachlage offenkundigen, von vornherein gefassten Tötungsvorsatz zuzugeben? Und das auch nur, weil sein Verteidiger dies zur Bedingung des Mandats gemacht hatte. Warum musste er noch Bekannte grundlos bezichtigen und Verhören aussetzen? Sein Aussageverhalten wurde als provozierend und skrupellos bezeichnet. Dem Polizeipsychologen erschien er als "selbstverliebt, arrogant und dem Geld verhaftet". Erst wegen seiner "starken Neigung zum Selbstmitleid" habe er nach der Androhung von Folterschmerz sein Schweigen aufgegeben. Und wie dickhäutig muss seine psychische Statur sein, wenn er am Tag der Anklageerhebung in der Haft ohne jede Auffälligkeit oder Erschütterung die anstrengende, mehrstündige mündliche Staatsprüfung ablegt? Und jetzt der zerknirschte, reuige Sünder?

Da beantragt Gäfgen beim Gericht Prozesskostenhilfe, um Schadensersatz einklagen zu können wegen des angeblich durch die polizeiliche Folterandrohung erlittenen schweren seelischen Traumas. Unglaubhaft, fast unverschämt mutet das an. Chancenlos zudem, weil - wenn überhaupt - ein Trauma doch auf einen ganz anderen Schock zurückzuführen sein dürfte: Ihm war mit Festnahme und Verhör schlagartig klar geworden, dass sein Tatplan einen primitiven Fehler enthalten hatte. Nun stand er vor dem Scherbenhaufen seines Lebens, seiner Beziehung, seiner Berufspläne.

Da zieht er mit einer Menschenrechtsbeschwerde vor den Europäischen Gerichtshof in Straßburg , damit ein für allemal Folter, die ihm widerfahren sei, aus dem Strafverfahren geächtet würde. Obwohl das Folterverbot doch verfassungs-, völker- und eben auch strafprozessrechtlich eindeutig ist. Obwohl das Frankfurter Gericht die Folterdrohung entsprechend gewürdigt und die verantwortlichen Polizisten deswegen verurteilt hat.

Da beruft er sich in dem mit viel PR-Arbeit angekündigten Buch einer Selbstbespiegelung und -vermarktung auf Gott und - fast obszön - auf die Opferfamilie: "Meine Tat reut mich unendlich. In meinen Gedanken bin ich tagaus, tagein bei Jakob, bei der Familie meines Opfers und allen, die ich verletzt habe." "Selbstquälerisches" "Schreiben als Therapie" und "Zeichen tätiger Reue", so kündigt es der Anwalt an. Sicher: Jean Genet und Burkhard Driest kamen so zu einer Resozialisierung. Aber Selbstvermarktung des Täters und seiner Tat als Reue?

Und da plant er mit seinem Anwalt als "Zeichen der Wiedergutmachung" eine "Magnus-Gäfgen-Stiftung". 1. Akt des Verfahrens: Eine Voranfrage bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) als Stiftungsbehörde . Was könnten die beiden damit bezwecken? Gäfgen ein Denkmal als Wohltäter zu setzen? Gründe für spätere Anträge auf Vollzugslockerungen zu bieten, um als Stiftungspatron an Gremiensitzungen teilnehmen zu können? Und was könnte der Namensgeber einbringen? Eben seinen Namen. Aber das würde den Stiftungszweck diskreditieren. Es wäre Missbrauch des Stiftungsrechts. Oder sein Vermögen? Er hat jedoch keines, vielmehr Privatinsolvenz angemeldet. Seinen Bucherlös? Indes stünde der den Gläubigern zu, wenn er nicht im Voraus Forderungen seinem Anwalt - an den Gläubigern vorbei - abgetreten hat. So endet dieser Akt mit einer Missbilligung durch die Behörde als sitten- und darum rechtswidrig.