Washington. Es ist ein Blitzbesuch. Am Donnerstagnachmittag spaziert Angela Merkel samt Entourage durchs Tor des Weißen Hauses. Die amerikanischen Kameraleute, die im Inneren des Geländes warten, wissen nicht, auf wen sie die Linsen richten sollen. Schließlich ruft einer: "Es ist die linke, die mit dem dunklen Blazer. Die, die eben gewinkt hat." Eine deutsche Kanzlerin erkennt hier eben nicht jeder.

Im Inneren des West Wings wird Merkel mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen, von Amerikas versammeltem Spitzenpersonal: der Handelsbeauftragten, dem Finanzminister, dem Sicherheitsberater, der Außenministerin, dem Vize-Präsidenten, der Präsidenten-Gattin und, natürlich, dem Präsidenten. George Bush nimmt sich zweieinhalb Stunden Zeit für die Frau, die er Angela nennt. Erst für eine Arbeitssitzung, dann für eine Pressekonferenz, später für ein Abendessen.

Schließlich lässt sich die Kanzlerin mit einer Limousine etwa 100 Meter weit zum Blair House fahren, dem Gästehaus der amerikanischen Regierung. Dort hängt zwar am Eingang die deutsche Flagge, aber das Dienstpersonal muss nicht mal die Betten machen. Frau Merkel übernachtet nicht. Sie schwebt an den Gemälden amerikanischer Naturwunder vorbei in einen Salon, in dem ein Glas Wasser und ein kleiner Kreis deutscher Korrespondenten auf sie warten.  Nach einer Stunde ist sie wieder fort. Auf dem Weg zum Flughafen. Ende einer Amerika-Reise. Die deutsche Flagge am Blair House wird eingeholt.

Arbeitsbesuche eines deutschen Kanzlers in Washington sind wieder Routine geworden. Gegenseitiger Respekt, Nähe und Entspanntheit sind die Merkmale solcher Begegnungen. Ein angenehmer Kontrast zu jenen Zeiten, in denen sich ein deutscher Kanzler im Weißen Haus nicht willkommen fühlen durfte. Zum sechsten Mal trifft Angela Merkel den Präsidenten nun schon. Es scheint sich Vertrautheit einzustellen. Präsidentensprecher Tony Snow vergleicht jedenfalls Bushs Beziehung zur Kanzlerin mit dessen Verhältnis zu Britanniens Premier Tony Blair und Japans ehemaligem Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi. Die beiden waren jahrelang Bushs wichtigste Partner auf der internationalen Bühne.

Bush selbst betont sein Vertrauensverhältnis zur Kanzlerin nicht sonderlich. Er sagt zwar: "Ich höre Angela Merkel viel zu, weil ich sie für weise halte", schiebt dann aber nach: "Ich weiß gar nicht, ob es ihr hilft oder schadet, wenn ich so etwas sage." Das ist eine freundliche Schwindelei. Bush weiß wohl, dass er in Deutschland als radioaktiv gilt. Wer sich ihm zu sehr nähert, läuft Gefahr, verstrahlt zu werden. So verzichtet Bush auf warme Gesten, schüttelt am Ende bloß brav die Hand der Kanzlerin und witzelt: "Diesmal keine Massage." Als Bush dies sagt, schaut sein Vater milde zu. Und zwar aus einem Porträt, das in der Eingangshalle am Portal des Weißen Hauses hängt. Auch Bill Clinton (in Öl) ist Zeuge der Szene. Über Gerald Fords Abbild hängt am Rahmen ein schwarzer Trauerflor.

Wie üblich, wenn Menschen die Beziehungen zwischen Staaten repräsentieren, ist die Harmonie nicht gänzlich ungetrübt.  Der Dissenz verkleistert sich hinter Bushs standard-diplomatischer Formulierung, man habe "offen und ehrlich diskutiert". Soll heißen: Wir waren uns nicht einig. Worum also geht es? Iran? Irak? Afghanistan? Weit gefehlt. Das blutleer klingende Wort "Doha" ist Kern der Meinungsverschiedenheit. Bush sieht Amerika "gebunden" an den Versuch, weltweit Handelsschranken abzubauen. "Wir müssen hart arbeiten", sagt er, "um die Hindernisse zu überwinden." Angela Merkel sieht dagegen, dass sich das "Fenster der Möglichkeiten" für die Doha-Runde "schnell schließt". Drum denkt die Kanzlerin schon darüber hinaus. Sie schlägt seit Monaten einen "gemeinsamen Markt" für die transatlantische Region vor - und findet wenig Begeisterung für ihren Plan in Washington.