Die katholische Kirche soll sich nicht in die Angelegenheiten der Politik einmischen. Das war bislang die Linie des Vatikans und des liberalen Teils des polnischen Klerus. Doch nun ist die Kirche von der Politik eingeholt worden. Am Sonntagnachmittag ließ Papst Benedikt XVI überraschend den Warschauer Erzbischof Stanisław Wielgus zurücktreten, nachdem er sich tagelang gegen dessen Abberufung gesperrt hatte. Die Entscheidung wurde in einem knappen Communiqué verkündet – kurz vor Beginn der Messe, mit der eigentlich die Amtseinführung gefeiert werden sollte.

Alles begann in der vergangenen Woche mit anfangs zwielichtigen Enthüllungen. Wielgus habe in den sechziger und siebziger Jahren bereitwillig mit dem kommunistischen Geheimdienst kooperiert, meldete die rechte Gazeta Polska und veröffentlichte Aktenauszüge der Służba Bezpieczeństwa (SB), des polnischen Staatssicherheitsdienstes, im Internet. Das Nachrichtenmagazin Wprost legte einige Tage später nach.

Die Affäre wirft ein Schlaglicht auf die Nöte der katholischen Kirche in Polen. Und sie verschärft einen Konflikt, der seit Jahren schwelt. Denn nicht nur die polnische Zivilgesellschaft, sondern auch die Kirche hat es im vergangenen Jahrzehnt nicht geschafft, eine Frage zu beantworten: Wie umgehen mit dem Erbe der Volksrepublik Polen?

Stanisław Wielgus ist nicht der erste hochrangige Geistliche, der zugeben musste, Agent des SB gewesen zu sein – und weitere werden folgen. Durch die Presse geistern bereits erste Namen, der Probst der Krakauer Wawel-Kathedrale Janusz Bielański musste an diesem Montag gehen. Schon im Frühjahr des vergangenen Jahres wollte ein ehemaliger Solidarność -Priester eine Liste mit Namen kompromittierter Priester veröffentlichen, nur mit Mühe konnte das Episkopat dies verhindern. Stattdessen soll nun eine vom Krakauer Kardinal Stanisław Dziwisz eingesetzte Historikerkommission für dosierte Aufklärung sorgen.

Zwar gibt es auch in Polen eine Gauck-Behörde, das Institut für Nationales Gedenken ( Instytut Pamięci Narodowej , IPN), aus dessen Beständen auch die Unterlagen über Erzbischof Wielgus stammen. Doch an eine seriöse Aufbereitung der Akten glauben nicht mehr viele. Immer wurde das Institut zum Instrument der Machtpolitik; die Frage nach dem Posten des Direktors stets eine hochpolitische Angelegenheit. Die Vergangenheitsbewältigung blieb anderen überlassen, vor allem den Medien, die in Polen in einem harten Wettbewerb stehen. Es gibt nicht viele Personen des öffentlichen Lebens, die sich noch nicht gegen Spitzel-Vorwürfe wehren mussten.

Diese Unsicherheit wurde zum Erfolgsgeheimnis der Gebrüder Kaczyński. Deren Mission ist die "Ehrliche Republik": Frei von Korruption und den ehemaligen Helfern der Kommunisten soll sie sein. Lustracja ist das Zauberwort, das sich wahlweise mit "Durchleuchtung, Revision", aber auch als "kultische Reinigung" übersetzen lässt. Nach ihrer Regierungsübernahme haben die Kaczyńskis das Lustrationsgesetz noch einmal empfindlich verschärft: Anwälte, Lehrer, Journalisten sollen nun auf ihren aufrechten Gang zur Zeit des KP-Regimes überprüft werden. Das ist in Polen nicht unumstritten: "Endlich Gerechtigkeit!", sagen die einen, Säuberung und Siegerjustiz nennen es die anderen.