Dass in Wildbad Kreuth alles wie immer ist, das kann man in diesem Jahr wahrlich nicht behaupten. Trotzdem könnte man sagen, es sei wie im letzten Jahr. Auch damals schon stieg ein arg bedrängter Ministerpräsident und CSU-Chef Edmund Stoiber in dem idyllischen Talkessel mit dem gelben Schlösschen aus seiner schwarzen Limousine. Stoiber habe fünf Kilo abgenommen, witzelten damals einige Beobachter, und sie meinten nicht nur das physische, sondern auch das politische Gewicht.

Auch in diesem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident über die Feiertage kein Fett ansetzen können. Zumindest der politische Gewichtverlust dürfte sogar noch deutlich stärker ausgefallen sein als vor einem Jahr. Seltsam gelb und hager wirkte der Landesvater, als er am Montag am Ort der traditionellen Klausurtagungen seiner Partei eintraf, sichtlich bemüht, das Lächeln nicht zu vergessen. "Es waren bewegte Weihnachtstage", fasste sein Begleiter, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe Peter Ramsauer, die Ereignisse der vergangenen Wochen lapidar zusammen.

Noch im Herbst – beim CSU-Parteitag in Augsburg – hatte es so ausgesehen, als hätte Stoiber sich einigermaßen saniert. Nach monatelangem Werben um die Basis hatte sich die Partei mit Stoibers Rückzieher vom Ministeramt in Berlin scheinbar abgefunden. Begeistert gefeiert worden war er in Augsburg zwar nicht, doch dass Stoiber als Spitzenkandidat in die nächste Landtagswahl ziehen würde, schien kaum noch fraglich. Die Landrätin Gabriele Pauli aus Fürth, die auch dort ihren Auftritt hatte, war eine einsame Aufrührerin aus der Provinz.

Jetzt, ein paar Monate und eine Spitzelaffäre plus Nachfolgediskussion später, ist alles anders, aber doch eben sehr ähnlich wie im vergangenen Januar. Erneut überschlagen sich die Parteioberen mit Solidaritätsadressen. Allerdings machen böse Stimmen darauf aufmerksam, dass auch Stoibers Vorgägner Max Streibl einst uneingeschränkte Solidarität erhielt, bis er dann eben weg war. Für Stoiber gab es am Montag erst mal einen einstimmigen Unterstützungsbeschluss des Präsidiums, nachdem er seinen Willen erklärt hatte, die CSU in die Landtagswahlen 2008 zu führen. Eine Mitgliederbefragung zur Spitzenkandidatur wurde abgelehnt.

Vor der Bergkulisse von Wildbad Kreuth bekam Stoiber dann auch die – man ist versucht zu sagen: brutalstmögliche – Unterstützung des Chefs der Berliner CSU-Landesgruppe. Alle, die nun noch weiter zündeln wollten, fielen denen in den Rücken, die Verantwortung trügen, versuchte Ramsauer die diversen Brandherde auszutreten. Von Kreuth werde ein Signal der "legendären Geschlossenheit der CSU" ausgehen, versprach er seinem Vorsitzenden. Damit es auch der Letzte versteht, hatte er noch ein Bild parat: Die CSU-Landesgruppe stehe selbstverständlich vor Stoiber, wenn auf ihn geschossen werde. Und weil er wohl fürchten muss, dass auch diese Metapher noch Deutungslücken lässt, fügte er eilig hinzu: Auch hinter Stoiber stehe man bei Bedarf und natürlich auch geschlossen um ihn herum.

Wie sehr sich Stoiber auf diese Zusage verlassen kann, wird wohl am ehesten daran deutlich, dass derselbe Herr Ramsauer noch am Wochenende in Zeitungsinterviews erstmals eine Trennung der Ämter von Parteivorsitzendem und Ministerpräsidenten in die Debatte brachte. Doch – wenn er nicht überhaupt einfach missverstanden wurde, wie er nun behauptet – scheint dies eher eine Anregung für die fernere Zukunft gewesen zu sein. Jetzt und hier in Wildbad Kreuth will Ramsauer zu dem ganzen Thema eigentlich gar nichts mehr sagen. Hier soll es nun nur noch um Bundespolitik gehen. Und da, freute er sich, stehe man doch viel besser dar als im vergangenen Jahr.