Der Ölpreis fällt und fällt. Nicht alle werden sich darüber wundern, aber fast alle  darüber freuen - mit Ausnahme vielleicht der Manager der Ölgesellschaften. Wo aber sind die Analysten, die uns die Lage am Ölmarkt erklären könnten? Bei einem Preisanstieg sind sie doch mit Beurteilungen schnell zur Hand, denn dann ist es einfach, reißerische Artikel zu schreiben über die Gefahren des teuren Rohstoffs.

Was sind die Gründe für den Preisverfall? Gerne wird das milde Wetter herangezogen. Doch so ungewöhnlich es derzeit auch ist: Das ganze Ausmaß der Kursbewegung kann es nicht erklären. 17 Grad hier in Deutschland, 22 Grad in New York, und das alles Anfang Januar - natürlich sind das extrem milde Temperaturen. Aber als der Ölpreis im vergangenen Sommer bis auf 80 Dollar nach oben schoss, war auch nicht das Wetter der Grund. Konjunkturelle Veränderungen, geopolitische Entwicklungen oder Spekulationen wirken sich am Ölmarkt viel stärker aus.

Gerade die konjunkturellen Faktoren dürften in der nächsten Zeit für einige größere Überraschungen sorgen - und daran ist das Wetter tatsächlich nicht ganz unschuldig. Die meisten Konjunkturindikatoren werden nämlich in saisonbereinigter Form veröffentlicht. Dies macht auch Sinn, denn die jahreszeitlichen Schwankungen in der Nachfrage oder in der Wirtschaftsaktivität sind nun einmal viel ausgeprägter als die Schwankungen innerhalb eines Konjunkturzyklus'. Ein Beispiel: Wenn im Frühjahr die Nachfrage nach Gartengeräten ansteigt, die Bautätigkeit zunimmt oder alle in die Straßencafés strömen, wird dadurch die Wirtschaft noch lange nicht nachhaltig, also auf lange Sicht, angekurbelt.

Natürlich wird im Sommer mehr Eis gegessen als im Winter. Um aber die unterschiedlichen Rahmenbedingungen miteinander vergleichbar zu machen, muss man solche saisonalen Effekte aus den Wirtschaftsdaten herausrechnen - salopp gesprochen, indem man in den Hochphasen ein wenig von der beobachteten Wirtschaftsaktivität abzieht und in den schwächeren Monaten etwas hinzufügt. Mathematisch gesehen erfolgt dies übrigens nicht mit Hilfe einer Addition, sondern durch Saisonbereinigungsfaktoren, die multiplikativ berücksichtigt werden.

Wenn nun also das besonders gute Wetter dazu führt, dass der im Winter normalerweise zu beobachtende, noch unbereinigte Konjunkturrückgang ausbleibt oder zumindest sehr viel schwächer ausfällt, zeigt sich das dann auch in den Daten. Und aufgrund der besonderen Berechnungsmethodik wird jeder Euro oder Dollar, der mehr ausgegeben oder produziert wird, auch überproportional berücksichtigt. Haufenweise positive Konjunkturüberraschungen sind dann die Folge.

Für Euroland waren die Konjunkturerwartungen ja seit langem sehr zurückhaltend, so dass an dieser Stelle schon mehrfach auf eine mögliche positive Überraschung hingewiesen wurde. Für die USA erwarteten die Märkte hingegen eine weiche Landung. Die Indikatoren scheinen dies nun zu bestätigen. Und die Aktienmärkte nehmen die besseren Konjunkturdaten klar positiv auf, denn von einem Heißlaufen der Wirtschaft sind wir noch weit entfernt.