Präsident Bush will 21.000 Soldaten zusätzlich in den Irak schicken. Reicht das?

Vor kurz hat Generalleutnant Petraeus, der neue Befehlshaber der US-Kampftruppen im Irak, gesagt, um den Aufruhr in den Städten zu bekämpfen, brauche man ein Verhältnis von 20 Soldaten zu 1000 Einwohnern. In Bagdad und Umgebung leben rund sieben Millionen Einwohner. Das heißt, allein dort bräuchten wir 140.000 Soldaten. Von den 21.000 werden jedoch nur 8.000 wirklich kämpfen. Und sie müssen sich auch noch die Unterstützung der irakischen Sicherheitskräfte sichern, die an die einzelnen Religionsgruppen gebunden sind. Wie Senator McCain sagte: Wenn sie zu wenig Truppen schicken, werden sie unfähig sein, den Job zu erledigen - sie haben nur mehr Opfer.

Wie reagieren die Iraker auf Bushs Rede?

Ich habe heute Morgen mit Freunden in Bagdad gesprochen. Natürlich hoffen die Leute, dass diese Initiative Erfolg hat. Aber sie haben so viele Zweifel an einer Stabilisierung der Lage. Sie glauben nicht daran.

Glauben Sie denn, dass der irakische Premier al-Maliki die Lage in den kommenden Monaten besser kontrollieren kann, wie es Bush verlangt?

Natürlich nicht. In seiner Rede hat Bush viel zu sehr auf al-Maliki gesetzt. Und die Maßstäbe sind nicht realistisch: Al-Maliki soll dieses Jahr regionale Wahlen organisieren. Diese Wahlen werden aber nur neue Streitigkeiten und Kämpfe hervorrufen, aufgrund des bereits existierenden Chaos. Man muss erst die Lage stabilisieren, bevor man Wahlen abhalten kann. In der derzeitigen Situation tauschen die Iraker keine Worte aus, sondern Kugeln.

Das Engagement der USA sei nicht endlos, hat George W. Bush gewarnt.

Das ist die Frage. Was sind aber die anderen Möglichkeiten für Bush? Er sagt, wenn Maliki die Erwartungen nicht erfüllt, wird er nicht länger von den USA unterstützt. Aber jetzt die Frage an die Amerikaner: Was werden sie in diesem Fall tun? Ziehen sie ab oder suchen sie sich im Irak eine andere Regierung? In beiden Fällen wird es sehr schwierig.

Das größte Problem besteht in den schiitischen und sunnitischen Milizen, die sich gegenseitig bekämpfen. Die irakischen Sicherheitskräfte wiederum sind wenig vertrauenswürdig.

Maliki soll die moderaten Schiiten und Sunniten um sich sammeln, um die Extremisten aller Seiten zu bekämpfen. Schafft er das? Ich weiß nicht. Es gibt hier einen sehr sensiblen Punkt, den man im Westen übersieht: Wenn ein totaler Bürgerkrieg zu befürchten ist, warum sollten die Schiiten das Risiko eingehen, ihre Verbündeten und Alliierten wie den radikalen Milizenführer Muqtada al-Sadr zu verlieren, nur um den Amerikanern einen Gefallen zu tun? Genauso: Warum sollten dann die Sunniten das Risiko eingehen, ihre Verbindungen zu den sunnitischen Extremisten und Aufständischen zu verlieren?