Susanna Bastaroli ist Brüsseler Korrespondentin der österreichischen Zeitung "Die Presse". Ihr Beitrag ist der fünfte in einer lockeren Reihe von Kommentaren, mit denen Korrespondenten europäischen Zeitungen auf ZEIT online die deutsche EU-Ratspräsidentschaft begleiten.

Bisher erschienen:
"Die alten Europäer" von Konrad Niklewicz von der polnischen Tageszeitung
Gazeta Wyborcza ;
"Psychologischer Waffenstillstand" von Rolf Gustavsson von der schwedischen Tageszeitung
Svenska Dagbladet;
"Europäische Malaise" von Jean Quatremer von der französischen Tageszeitung Libération
"Deutsches Getöse" von David Gow von der britischen Tageszeitung Guardian

Die Krise kam wie bestellt. Die deutsche Ratspräsidentschaft hatte gerade erst zu arbeiten begonnen und das ehrgeizige Ziel einer gemeinsamen europäischen Energiepolitik ganz oben auf die Agenda gesetzt. Da drehte Anfang der Woche Russland Weißrussland und damit auch Deutschland und Polen den Ölhahn ab. Eiskalt lief es Europas Politikern über den Rücken. Frisch sind die Erinnerungen an den Gasstreit zwischen Kiew und Moskau im vergangenen Jahr - und an die daraus folgenden Engpässe für Zentraleuropa.

Energie-Differenzierung, geringere Abhängigkeit vom übermächtigen russischen Nachbarn, mehr Koordination unter den EU-Staaten sei notwendig, fordert Brüssel in seinem frisch vorgestellten EU-Energiestrategiepapier. Die Europäer sollen schließlich nicht jeden Winter fürchten müssen, frierend im Dunkeln zu sitzen - und dafür auch noch sündhaft teure Gas- und Stromrechungen bezahlen.

Deshalb macht sich die EU-Kommission auch für mehr Wettbewerb stark. Nicht vergessen solle der Klimawandel werden: Umweltverträglich müsse künftig der EU-Energiemix sein, der Ausstoß von Kohlendioxid verringert und die Effizienz bei Energieproduktion und -verbrauch gesteigert werden. Eine unter den EU-Staaten koordinierte, saubere Energiepolitik und ein funktionierender Energiebinnenmarkt - das soll der nächste große Integrationsschritt sein. Damit würden die zunehmend skeptischen Europäer auch spüren, dass die Union tatsächlich etwas für sie tut.

Gespannt blickt man in Brüssel nun auf die Deutschen. Die Ratspräsidentschaft soll dafür sorgen, dass Europa künftig Energie- und Umweltkatastrophen erspart bleiben. Beim EU-Gipfel im März will die Bundeskanzlerin das grüne Licht ihrer EU-Kollegen für den Grundpfeiler eines "europäischen Aktionsplans" bekommen.

Klingt alles sehr ambitioniert. Wenn nur die politische Realität anders aussehen würde. Denn beim strategischen Thema Energie will kaum ein EU-Staat sich zu viel von Brüssel sagen lassen. Und das dürfte den Berlinern Politikern noch einige schlaflose Nächte bescheren: Deutschland muss den Spagat bewältigen, glaubhaft für eine EU-Energiepolitik einzutreten, ohne dabei die nationalen Interessen aus den Augen zu verlieren.

Da ist erstens die Berliner Freundschaft zum Kreml, die vor allem Altbundeskanzler Gerhard Schröder pflegte. Die umstrittene Ostseepipeline hat gezeigt, dass Berlin bilateralen Projekten mit Russland trotz des Widerstands einiger EU-Partner Vorrang gibt. Von der viel zitierten europäischen Energie-Außenpolitik war wenig zu spüren.