Über zehn Stunden hat die CSU-Landtagsfraktion am Dienstag in Wildbad Kreuth hinter verschlossenen Türen die aktuelle Führungskrise der Partei diskutiert. Mehr als 60 Wortmeldungen gab es. Doch als sich gegen 0:45 Uhr am frühen Mittwochmorgen die Türen endlich öffneten, war noch immer keine klare Entscheidung gefallen. Stattdessen verlas der Fraktionsvorsitzende Joachim Herrmann einen so genannten Grundkonsens, auf den sich die Fraktion geeinigt hatte, wenn auch ohne Abstimmung. Es habe keinen Widerspruch gegeben, deswegen betrachte er die Erklärung als angenommen, sagte Herrmann lediglich.

"Wir sprechen dem Ministerpräsidenten unser Vertrauen aus und stehen zu Edmund Stoiber", heißt es in der Erklärung. Doch dann wird hinzugefügt: "Die Frage der Spitzenkandidatur ist offen und wird auf einem Parteitag entschieden." Dieser werde voraussichtlich im September stattfinden, sagte Herrmann. Ein früherer Zeitpunkt sei aus Gründen der Satzung nur schwer realisierbar. Unter der Leitung von Edmund Stoiber werde die Entscheidung des Parteitags rechtzeitig vorbereitet. Man wolle eine gemeinsame Zukunftslösung entwickeln. Dies kann man wohl durchaus so verstehen, dass eine Kampfabstimmung - zumindest gegen Stoiber - vermieden werden soll. Auch über den Parteivorsitz entscheide der Parteitag, sagte Herrmann.

Ein voller Sieg für Edmund Stoiber also? Das wohl kaum. Sicherlich, für Stoiber hätte es schlimmer kommen können. Noch am Dienstagmorgen schien die Situation sehr aufgeheizt. Mehrere Abgeordnete forderten den CSU-Chef offen zu einem schnellen Rückzug auf. Bei der Sitzung des Fraktionsvorstandes seien etwa zwei Drittel der Abgeordneten gegen Stoiber gewesen, hieß es. Und gegen Mittag schien sich auch noch die Fraktionsspitze von Stoiber zu distanzieren: Stoiber habe mit seiner Ankündigung, er wolle 2008 nochmals kandidieren, müsse dies aber nicht, die "Tür einen Spalt breit aufgemacht" für eine Erneuerung, sagte Herrmann. Und fügte hinzu: Weitere wochenlange Diskussionen könne sich die Partei nicht mehr leisten.

In der Öffentlichkeit wurde dies teilweise so verstanden, als stehe der Rücktritt Stoibers oder zumindest die Verkündung eines genauen Rücktrittplans unmittelbar bevor. Doch dies stellte sich als voreilig heraus. Während der abendlichen Sitzung der Fraktion erwiesen sich die Lager der Stoiber-Befürworter und der Stoiber-Gegner vielmehr als ungefähr gleich stark. Stoiber habe eine sehr emotionale Rede gehalten, hieß es. Er wiederholte seine Ankündigung, dass er prinzipiell bereit sei, auch über 2008 hinaus weiter zu machen und sein Schicksal in die Hände eines Parteitags legen wolle.

Mit dem jetzigen Stand der Dinge hat Stoiber etwas Zeit gewonnen. Doch dass nun tatsächlich erst auf einem Parteitag über die Spitzenkandidatur entschieden wird, ist keineswegs ein Zeichen dafür, dass Stoiber sich in diesem Punkt voll durchgesetzt hätte. Letztlich ist unstrittig, dass nur ein Parteitag über den Spitzenkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten und über den Parteivorsitz entscheiden kann. Wichtiger ist der Hinweis, dass man im Vorfeld diese Entscheidung rechtzeitig vorbereiten wolle. Ein Ziel dieses Vorgehens ist es zu verhindern, dass der Spitzenkandidat kaum mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommen wird. Dies wäre aber zumindest derzeit der Fall, wenn Stoiber selbst antreten würde.