Es ist nicht gerade wenig, was Tariq al-Hashimi schon dem Traum eines demokratischen Irak geopfert hat. Zwei Brüder und eine Schwester des sunnitischen irakischen Vizepräsidenten sind 2006 bei Anschlägen ermordet worden – "und das nur, weil ich mich fest für den politischen Prozess und die Demokratie ausgesprochen habe", sagte Hashimi am Dienstag bei einem Vortrag in "Chatham House", dem Königlichen Institut für Internationale Angelegenheiten in London. "Und wenn Sie mich fragen, ob ich immer noch optimistisch bin, dass mein Land heilen kann und sich die Lage zum Besseren wendet, ist meine Antwort: ja."

Er wolle niemanden hinters Licht führen, sagte Hashimi mehrmals, der um die Weihnachtszeit Washington besucht hatte und sich nun in London mit der britischen Regierung beriet: Die Zeiten seien "hart", und die tägliche ethnisch-religiöse Gewalt, wo Iraker einander umbrächten, "eine Tragödie". Dem könnte man, so Hashimi mit einem wenig verhüllten Seitenhieb auf die Regierung des schiitischen Premierministers Nouri al-Maliki, nur Herr werden, wenn man die Extremisten auf beiden Seiten gleichermaßen bekämpfe – bei den Sunniten, die bislang das Rückgrat der "Aufstandsbewegung" wie terroristischer Gruppen bilden, wie bei den Schiiten, deren Milizen gelegentliche Angriffe auf westliche Truppen, anti-sunnitische Rachefeldzüge und vor allem in Bagdad ethnische Säuberungen durchführen.

Nach den "vielen, vielen Fehlern", die in den vergangenen dreieinhalb Jahren gemacht worden seien, sei nun der Zeitpunkt gekommen, sie zu korrigieren, sagt Hashimi, der die "Irakische Islamische Partei" als Generalsekretär führt. Dazu brauche man auf absehbare Zeit die ausländischen, in erster Linie amerikanischen und britischen Truppen im Land. "Ich bin Nationalist", sagte Hashimi, "glauben Sie mir, ich will, dass fremdes Militär so schnell wie möglich den Irak verlässt." Er werde alles dafür tun, dass der Tag bald komme. Aber ein übereilter Abzug würde zu einem Machtvakuum führen, das den Irak und dann die ganze Region ins Chaos stürzte.

Eher knapp äußerte sich Hashimi zu der kürzlich von US-Präsident George W. Bush angekündigten Truppenverstärkung um rund 21.000 Mann. Die zusätzlichen amerikanischen Soldaten würden gebraucht, um einen "akuten Mangel" an Sicherheitspersonal in Bagdad auszugleichen. Aber man sollte sich nicht täuschen: Ein Bündel von Maßnahmen, politische wie ökonomische, seien notwendig, und der jüngste "Bagdad-Sicherheits-Plan" – zwei vorherige seien "komplette Fehlschläge" gewesen, sagte Hashimi – sei nur ein Aspekt. Gerade den Sunniten müsse vorgeführt werden, dass sie mit der Teilnahme am politischen Prozess Vorteile hätten.

"Die Schiiten können das Land nicht ohne die Sunniten beherrschen, und die Sunniten nicht ohne die Schiiten", erklärte Hashimi, "sehr bald werden die Iraker das einsehen, ihre Kräfte bündeln und die Einheit und Souveränität des Landes wiederherstellen." Dazu brauche man eine "tiefgreifende" Verfassungsänderung: Die derzeit geltende Verfassung – keineswegs von den Amerikanern "aufgezwungen", will Hashimi glauben – gewähre den Provinzen zu große Eigenständigkeit und treibe Irak auseinander, und sie konzentriere zu viel Macht beim Premierminister. Dieser solle lieber in gemeinsamer Verantwortung mit dem Präsidenten, derzeit der Kurde Jalal Talabani, und den beiden Vizepräsidenten regieren.

Außerdem sollte die irakische Armee, in der Hashimi Karriere machte, bis er sich 1975 weigerte, der Baath-Partei beizutreten, in Form ihrer alten, multi-ethnischen Regimenter wieder einberufen werden. Nur so ließe sich laut Hashimi die derzeit bestehende ethnisch-religiöse Segregation in den neu aufgebauten, irakischen Sicherheitskräften überwinden. Die Einheiten sind derzeit faktisch in rein schiitische, sunnitische oder kurdische Formationen zerfallen.