Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy ist seit Sonntag offiziell Kandidat der Konservativen für die Präsidentschaftswahl. Er wird an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen müssen – die schwierigste steht im eigenen Lager. Die Sozialistin Ségolène Royal ist zwar seine natürliche Konkurrentin, der Hauptfeind des Innenministers sitzt jedoch im Elysée-Palast. Es ist in der Tat für niemanden ein Geheimnis, dass Jacques Chirac seit Jahren alles in seiner Macht Stehende tut, um zu verhindern, dass Sarkozy sein Nachfolger wird. Und davon, seine Gegner politisch zu erledigen, versteht der französische Präsident etwas. Seine Karriere ist eine lange Liste von Verrat, nicht gehaltenen Versprechen und Intrigen, bei der er in manchen Fällen sogar seine eigene Partei mit Absicht auf die Verliererstraße führte. So hat Jacques Chirac 1981 dafür gesorgt, dass der Kandidat der Rechten, Giscard d’Estaing, gegen den Sozialisten Mitterrand verlor.

Am Sonntag gab es von Chirac keinerlei Anzeichen der Unterstützung für Sarkozy. Der Premier und Chirac-treue Dominique de Villepin hatte die Urabstimmung über den Kandidaten mit der Begründung boykottiert, der Präsident habe schließlich noch nicht entschieden, ob er bei der Wahl im Frühjahr für eine dritte Amtszeit kandidieren wolle. Seit einigen Tagen bringt Chirac Gerüchte in Umlauf, er könne sich noch einmal vor den Wählern präsentieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jacques Chirac antritt und wiedergewählt wird, geht allerdings gegen Null. 82 Prozent der Franzosen sprechen sich laut einer Umfrage gegen eine neue Kandidatur von Chirac aus.

Dementsprechend versuchte Sarkozy nach seiner Nominierung, sich als einigende Klammer aller Franzosen darzustellen. Kandidat der Rechten, ja, aber im Dienst des französischen Volkes, so lautete die Botschaft seiner Rede. Ein Spagat, der für Sarkozy kein Hindernis darstellt, sondern im Gegenteil seine Kampagne dynamisieren soll. Er wollte eben mit jedem Einzelnen der 60 Millionen Franzosen sprechen.

Es gibt in der Tat Erklärungsbedarf: 51 Prozent der Franzosen zeigen sich über seine Person „besorgt“, denn Sarkozy tritt bisweilen scharfzüngig und teilweise hetzend auf. Sein Diskursangebot an die Öffentlichkeit war daher der erste Versuch, das kantige Image des „Ersten Polizisten Frankreichs“ zu mildern und zu nuancieren. Und vor allem scheint er von Ségolène Royal gelernt zu haben, dass es bei einer Präsidentschaftswahl mehr um Visionen und Werte geht als um Fakten und Ziffern.

Nicolas Sarkozys Rede war entsprechend weit gefasst, kaum eine soziale, politische, kulturelle oder religiöse Ebene, die er nicht angesprochen hätte. Zwar befürworte er die Werte seiner politischen Familie, der republikanischen Rechten: „die ausgleichende Gerechtigkeit, Ordnung, das Verdienst, die Arbeit, die Verantwortung“, jedoch sei er kein Konservativer, betonte Sarkozy. Jeder müsse seine Chance haben, er glaube an die Innovation und wolle die Kreativitätskraft junger Menschen fördern.

Und der gebrandmarkte Liberale strebt nun auch nach sozialer Gerechtigkeit: „Ich habe mich geändert. Man kann sich nur ändern, wenn man sich mit der Angst eines Arbeiters auseinandersetzt, der fürchtet, dass sein Unternehmen schließt.“ Seit langem gehört das Versagen der Linken gegenüber ihrer angestammten Wählerschaft zu einem der bevorzugten Themen von Sarkozy, der schonungslos den Übervater der Sozialisten Jean Jaurès zitiert – und einige Minuten später Albert Camus erwähnt.