Kein Wort mehr zu Edmund Stoiber – das war eigentlich meine Devise! Und dabei soll es eigentlich auch bleiben. Dennoch – ein so genanntes Argument hat mir dann doch zu schaffen gemacht, gewiss auch aus auto-biografischen Gründen. Stoiber, Jahrgang 1941, sei, wenn er 2008 noch einmal antreten sollte, mit dann 67 Jahren einfach zu alt und – falls er wirklich bis 2013 durchhalten wollte – am Ende mit 72 „ein Greis“.
Er regiert Bayern schon seit gefühlten 35 Jahren - dabei sind es "erst" knapp 14: CSU-Chef Edmund Stoiber

Solche Redensarten sind natürlich für mich (Jahrgang 1944) schon subjektiv irritierend; sie sind aber auch historisch und objektiv zumindest sehr anfechtbar. Konrad Adenauer hat schließlich erst im Alter von 73 Jahren als Bundeskanzler angefangen, und mindestens die ersten zehn Jahre ist das ja auch ganz gut gegangen. Und man wird auch manch anderen Politiker finden, der im höheren als heute für normal gehaltenen Alter noch saftiger war als manch jüngerer, langweiliger Amtsinhaber.

Alter ist also etwas sehr Relatives, etwas sehr Beziehungsreiches – und lässt sich nicht einfach an Tabellen ablesen. Eine der Beziehungen, in die man das „Alter“ eines Politikers setzen muss, ist zum Beispiel die Zahl der Jahre, die er in seinem Amte bereits verbracht hat. Wer ein Amt schon sehr lange besetzt hält, dessen Figur kommt einem vielleicht rein medial betrachtet schon abgenutzt vor. Der gute Mann könnte vielleicht – und das durchaus im Vollbesitz einer Routine, mit der er jeden potenziellen, unerfahrenen Nachfolger noch lange an die Wand drücken dürfte – einfach, ja: nicht ausgebrannt, aber leer sein, ohne neue Ideen.

Es ist ja die Tücke lang angewachsener Erfahrung, dass sie mit einer Skepsis gegenüber scheinoriginellen Einfällen oder längst widerlegten Fehlerwartungen angefüllt ist, die auch lohnenswerte neue Gedanken im Ansatz zu ersticken imstande ist. Ein wirklich bedeutender Staatsmann sagte mir einmal, nach acht Jahren sei jeder an wirklich hoher Stelle leitende Politiker naturgemäß ausgelaugt: Dem fällt dann einfach nichts mehr ein!

Anderes kommt hinzu: Wer sich in der Politik lange oben halten will, braucht nicht nur Ehrgeiz, ja geradezu Machtgeiz, sondern er lebt ständig mit Misstrauen: Wer – gerade von Parteifreunden – will mir ans Leder? Ein Vorgesetzter, tausend Zurückgesetzte – das schafft ein Klima permanenter Machtunsicherheit, gegen das man sich mit einem Hofstaat von Zuträgern und Zustimmern abzusichern versucht, die mit der Zeit ja auch in seelenloser Routine erstarren.

Je länger man sich in diesem Spitzenmilieu bewegt, desto größer die Gefahr höchst eingeschränkter Wirklichkeitswahrnehmung. Und je länger und heftiger man kämpfte, um in das Amt zu kommen und sich dort zu halten, desto schwerer fällt es einem, sich ein Leben ohne diese Prämie jener immensen Anstrengungen je vorzustellen.

Beides zusammengenommen – der Ideenverbrauch und der misstrauensbedingte Verschleiß an Unbefangenheit – bewirkt eine psychische Alterung, die mit der kalendarischen Alterung nur bedingt zu tun hat. Und so kann es eben kommen, dass Stoiber keineswegs zu alt ist, wenn er aufhört (aufhören muss), sondern dass er, als er anfing, zu – jung war. Und vor allem deshalb so relativ früh im Leben überständig wurde.

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